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Willkommen 2026, willkommen im Nebel!

Selbst Pantone legt sich nicht mehr fest und flüstert nur noch. Nach Jahren schriller Farben heißt die Trendfarbe 2026 Cloud Dancer: ein weiches, schwereloses Weiß. Zum ersten Mal steht Weiß im Zentrum. Pantone nennt es eine Antwort auf Überstimulation – ein kollektives Bedürfnis nach Ruhe, Präsenz und Klarheit.

Technisch gesehen enthält Weiß alle Farben. Pigmenttechnisch verdünnt es sie. Es schafft Raum. Und genau darin liegt die Ambivalenz.

Cloud Dancer: Beruhigend, aber gefährlich

2025 war – zumindest in Mitteleuropa – ein Jahr der Krise: wirtschaftlicher Druck, Downsizing, Sparprogramme, Unsicherheit. Die damalige Trendfarbe Mocha Mousse versprach Erdung und Behaglichkeit. In der Praxis fühlte sich davon wenig an. Und nein: 2026 wird diese Realität nicht einfach wegwischen.

Vielleicht passt Cloud Dancer deshalb so gut: ein Weiß, das alles enthält und alles entschärft. Beruhigend, ja – aber auch gefährlich. Wer nicht aufpasst, wird geblendet.

Und genau das ist das Problem: Wir bräuchten jetzt weniger beruhigenden Nebel, sondern mehr führende Richtung.

Transformation! Klingt bedeutend – aber wohin?

Der Optimismus hält sich in Grenzen. Laut Gallup glauben in Österreich nur rund 15 % der Menschen, dass 2026 besser wird. Vertrauen und Zuversicht klingen anders.

Gleichzeitig hören wir überall denselben Imperativ: Transformation. Klingt nach Zaubertrank – alternativlos, bedeutend. Doch Hand aufs Herz: Wohin eigentlich? Wer keine Vorstellung hat, wohin, erzeugt Bewegung ohne Richtung – und nennt es Fortschritt. Willkommen im Nebel.

Wenn Orientierung fehlt, wird der Begriff Transformation schnell zum Euphemismus für Re-Strukturierung. Viel Aktivität, wenig Klarheit. Entwicklung ohne Entwicklungslogik.

Entscheidungen sind Wetten – Nicht-Entscheiden auch

Klarheit fällt nicht vom Himmel, auch nicht aus weißen Wolken. Es gibt keine Sicherheiten mehr, kaum etwas ist vorherseh- noch berechenbar. Selbst physikalische Gewissheiten geraten ins Wanken – man denke an die Hubble-Spannung, die zeigt, dass sich das Universum schneller ausdehnt, als unsere Modelle erlauben.

Wer daraus den Schluss zieht, sich alle Optionen offenhalten zu müssen, landet oft im Einheitsweiß. Alles ist möglich – und dadurch wird alles beliebig. Was wir brauchen ist, ein entschiedenes Festlegen. Jede Entscheidung ist nur ein educated guess, eine Wette auf die Zukunft. Da gibt es keine Sicherheit. Und dennoch sind Entscheidungen essenziell, denn Orientierung entsteht nicht durch weiteres Verdünnen, sondern durch Auswahl.

Ent-scheiden heißt vor allem weglassen.

Vielleicht wirds 2026 doch etwas unbequem, denn Klarheit entsteht nicht aus dem Nebel von außen, sondern beginnt bei uns selbst. Wenn alles möglich ist, braucht es nicht keine Norm-alität in modernen, nüchternen Weiß, sondern bewusste Buntheit in den Vielen. Und diese Buntheit entsteht erst durch Entscheidungen. Im Wortsinn: Ent-scheiden – etwas wegnehmen, um für das Platz zu machen, was wirklich zählt.

Das braucht Mut. Entscheidungen fühlen sich selten eindeutig an. Sie kommen mit einem Cocktail aus Hoffnung, Zweifel, Angst und Zuversicht. Mut bedeutet nicht Bedenken oder Ängste zu verdrängen, sondern mit und entlang diesen Gefühlen klar zu werden. Denn zwischen Mut und Übermut liegt nur ein schmaler Grat, der immer wieder neu austariert werden will.

Ein FOMO-Trost: Keine Entscheidung ist endgültig. Sie kann überprüft, angepasst, revidiert werden – wiederum durch eine neue, bewusste Entscheidung. Entscheiden bedeutet dabei aber nicht Aktionismus. Entscheiden heißt, sich ernsthaft festzulegen. Dinge zu beginnen. Und andere bewusst zu beenden oder nicht anzugehen. Damit schaffen wir Raum für Überraschungen, für Serendipität, deren Wert wir für uns erst erkennen, wenn wir in uns klar (also entschieden) sind.

Transformation ohne Entscheidung? Kein Fortschritt – nur Aufschub

Ein aktuelles Beispiel: MTV. 1981 startete der Sender mit „Video Killed the Radio Star“ – der Ankündigung einer neuen Ära nach dem Radio. MTV ist mit Jahreswechsel Geschichte. Das Radio gibt es noch immer. Nicht, weil es alles richtig gemacht hat, sondern weil es sich immer wieder entschieden hat, was es sein will – und was nicht. Nicht mehr, sondern weniger.

Transformation ohne Entscheidung ist kein Fortschritt. Sie ist Aufschub.

Durch den Nebel führt kein Umweg

Die viel geforderte Klarheit entsteht nicht neben Emotionen, sondern mitten durch sie hindurch. Dinge loszulassen kann schmerzen – und zugleich erleichtern. Es macht freier, neuen Möglichkeiten zu begegnen. Vielleicht entsteht daraus jene Hingabe, die Harald Schirmer kürzlich so treffend beschrieben hat: nicht naiv, sondern bewusst.

Was heißt das für HR?

Auch HR muss sich festlegen, vor allem was es leisten kann und will. HR ist kein Nebelscheinwerfer und kein Aufputz. Vielleicht hat HR eher die Aufgabe eines Prismas: Es hilft, individuelle Farben sichtbar zu machen, ohne das gemeinsame Ganze zu negieren. Oder vielleicht ist es gar umgekehrt, wenn es gilt, vielen einzelne Farben in ein stimmiges Ganzes zu bündeln. Und möglicherweise kann HR 2026 beitragen, entschiedene Klärungen zu erarbeiten. Nicht nur, aber besonders in Transformationen.

Egal, was 2026 bringt: Ohne echte Zusammenarbeit zwischen HR und Führung wird es nicht gehen: Kollaboration statt bloßer Kooperation. Wenn viele unterschiedliche Farben bewusst zusammenspielen, entsteht mit etwas Abstand vielleicht genau das, was Cloud Dancer verspricht: ein präsentes, harmonisches Ganzes.

Nicht trotz klarer Entscheidungen – sondern wegen ihnen. Prosit 2026!

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