Kürzlich brachte Prof. Manfred Spitzer unter Getöse sein neues Buch “Digitale Demenz” heraus. Kernaussage: “Internet macht dumm”. Ob es ihn wohl auch schon erwischt hat? Oder ist er nur Trittbrettfahrer?

Die Medien berichten reihenweise über sein neues Buch. Zugespitzte Schlagzeilen verkaufen sich scheinbar gut, noch dazu wenn sie von einem Professor stammen. “Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen” lautet der Untertitel des Buches, in dem er erklärt wie Internet, Konsolen, Smartphones etc. das Gehirn schädigen.

Google macht dumm…

… so die Kernbotschaft des Buches. Gegoogelte Informationen merken wir uns weniger als über andere Medien erhaltene Informationen. Ergo: Unser Gedächtnis verarmt und verkümmert. Digitale Medien nehmen uns das Denken ab. Ergo: Wir werden oberflächlicher, erleiden Aufmerksamkeitsdefizite und vereinsamen. Spitzer vergleicht den Umgang mit digitalen Medien mit dem Alkoholkonsum. Je weniger, desto besser. Und Achtung auf die Suchtgefahr dieser Droge, die nun auch schon in Kindergärten und Schulen Einzug hält!
Jetzt mal Halblang, wie unsere deutschen Nachbarn wohl sagen würden. All diese Thesen sind ja bei weitem nicht neu.

Wer hat´s erfunden?

2008 schrieb Nicholas Carr in seinem ArtikelIs Google making us stupid?” wie das Internet seine Informationsaufnahme und –verarbeitung und damit sein Denken (und letztlich sein Gehirn) verändere. Und findet in der Geschichte gleich vergleichbare Beispiele anderer Medien, wie zum Beispiel Friedrich Nietzsches Experiment mit der Schreibmaschine:

[quote_center]Sie haben Recht – unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken. Wann  werde ich es über meine Finger bringen, einen langen Satz zu drucken! [/quote_center]

Kritiker seiner Theorie waren schnell gefunden. Schlagendstes Argument: Jedes Lernen verändert das Gehirn. Und jede Kulturtechnik (die wir erlernen) verändert das Gehirn und unser Denken. Also alles ganz normal.
Carr vertiefte dennoch seine Thesen weiter und brachte 2010 sein Buch “The Shallows: What the Internet Is Doing to Our Brains” heraus, das es 2011 sogar ins Finale für den Pulitzer Preis schaffte.

In der Zwischenzeit veröffentlichte Frank Schirrmacher von der FAZ sein Buch “Payback” (2009), in dem er beschreibt, wie Multitasking, Unkontrollierbarkeit der sozialen Netze und Informationsüberflutung unsere Gehirne ändere. Und bezeichnete die regelmäßige Verwendung des Internets als eine Art “Körperverletzung”:

[quote_center]Der Preis für die Informationsfülle sind Aufmerksamkeitsstörungen, Gedächtnismangel und Unkonzentriertheit.[/quote_center]

Auch hier war Widerspruch nicht weit. Argument: Das Internet als Technologie kann niemanden gescheit noch dumm machen. Nur dessen Anwendung kann es, und die müssen wir (als neue Kulturtechnik) erst lernen. Und das verändert wiederum unser Gehirn (siehe oben)!

Lesen macht faul

Menschen machen Medien und Medien machen Menschen. Das ist keine Neuheit, auch wenn es für Nietzsche eine war. Und Warnungen vor aufkommenden Medien gab es immer, selbst vor fast 200 Jahren als man das Lesen “neuen Mode” entdeckte:

[quote_center]Die Lesesucht ist eine unmäßige Begierde […] man lieset das Wahre und das Falsche prüfungslos durch einander, ohne Wißbegier, sondern mit Neugier. Man lieset und vergißt. […] Denn der Geist, so lange er nur fremde Vorstellungen an sich vorübergleiten läßt, verhält sich leidend; […] Es wird dadurch die geistige Ruhe und Unthätigkeit, die Begierde, Andere für sich denken zu lassen, zum Bedürfniß. Es wird das Müßiggehen zur Gewohnheit, und bewirkt, wie aller Müßiggang, eine Abspannung der eigenen Seelenkräfte. (Die Lesesucht, 1821) [/quote_center]

Obwohl fast 200 Jahre alt, kann man schon Parallelen mit der aktuellen Medienkritik entdecken. Wenn man möchte.

Achtung! Das Gehirn lebt!

Und tatsächlich haben digitale Inhalte Auswirkungen auf die Informationsverarbeitung im Gehirn. Die Suche im Netz stärkt die visuelle Intelligenz zu Lasten einer tieferen kognitiven Verarbeitung. Der Informations-Kontext geht leicht verloren und erschwert daher das Verstehen und Verarbeiten von Informationen.  Und auch Suchtrisiken gibt es selbstverständlich auch.
Demgegenüber stehen viele positive Seiten, wie sie zum Beispiel Gunter Dueck pointiert vorträgt. Auch gibt es eine Vielzahl von Studien, die positive Seiten des Internets auf unsere geistige Leistungsfähigkeit belegen. Für eine Übersicht dazu siehe zum Beispiel: Intelligenz 2.0 in Gehirn&Geist, März 2010.

Wo viel Licht, ist auch viel Schatten! Ein kritischer Umgang mit JEDEM Medium ist angesagt. Nur mit seiner undifferenzierten Pauschalkritik an allen digitalen Medien erreicht Spitzer wohl kaum etwas außer gute Schlagzeilen und ein breites Medienecho. Der Sache selbst dient es wahrscheinlich nicht.

Dement oder Trittbrettfahrer?

Man mag über Manfred Spitzer denken, was man will. Jedenfalls ist er Arzt, Philosoph und Psychologe. Seit 15 Jahren leitet er die psychiatrische Uni-Klinik in Ulm. Zusätzlich gründete er 2004 sein Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen. Und wurde damit auch Gehirnforscher, sogar mit eigener Fernsehserie. Gerne scheint er das Rampenlicht zu suchen.

Mit seinem neuen Buch schreibt er fast von sich selbst ab. Denn mit seinem Buch “Vorsicht Bildschirm” hat er schon 2005 das Fernsehen verdammt: “Fernsehen macht dick, dumm, gewalttätig”. Diese Pauschalkritik hat er nun einfach aufs Internet übertragen und weiter zugespitzt. Ob er hier an Carr und Schirrmacher nahtlos anschließen will? Ob er seine Fernsehkritik nur auf digitale Medien upgraden wollte? Oder ob es nur die Vorbereitung für einen größeren PR-Zug ist, wie Martin Ebner meint? Ich weiß es nicht.

Gegoogelt hat er jedenfalls! Und begründet die Aktualität des Themas an den Google-Suchergebnissen. Nur scheint es da einige Ungereimtheiten bei den angeführten Zahlen zu geben, wie Sandra Schön bloggt. Ob das aber schon erste Anzeichen für die von ihm beschriebenen Symptome der Digitalen Demenz sind? Ich weiß es nicht.

 

Bild: flickr.com, TDOMMDAD


            
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