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Man trifft sich immer zweimal. Dieses Sprichwort bewahrheitete sich auch für Anne Schüller und mich, und das innerhalb weniger Tage. Ungeplant.

Anne ist Speakerin, Coach und mehrfache Buchautorin. Ihr aktuelles Buch “Querdenker verzweifelt gesucht – Warum die Zukunft der Unternehmen in den Händen unkonventioneller Ideengeber liegt.” hat mich neugierig gemacht. Wer ist hier verzweifelt? Und wer sucht in Krisenzeiten Querdenker?

Darüber haben wir uns unterhalten. Und dann versagte die Aufzeichnung unseres Gesprächs für diesen Blogpost. Also führten wir unser Gespräch gleich nochmals – und ich war trotz dieser Panne dankbar, gleich zweimal mit ihr in den Austausch gehen zu können.

Hallo Anne, Du bist ja keine Unbekannte in der HR-Community, aber vielleicht magst Du zunächst ein paar Worte über Dich sagen.

Anne M. Schüller

Nun ja, ich kenne ja die klassischen Unternehmensstrukturen. Weit mehr als zwanzig Jahre lang habe ich in leitenden Positionen mehrerer internationaler Dienstleistungsunternehmen gearbeitet – in elf verschiedenen Ländern.

Einerseits war ich selbst eine Querdenkerin – eigentlich war ich das schon immer. Deshalb habe ich viele der „üblichen“ Vorgehensweisen ad absurdum geführt. Andererseits habe ich leider auch manches unhinterfragt mitgetragen, weil es damals einfach so Usus war. Das war bis 2001.

Seitdem arbeite ich als Keynote-Speaker, Managementdenker und Business-Coach. Kundenfokussierte Unternehmensführung ist der Oberbegriff meiner Arbeit. Hierzu habe ich auch eine Reihe preisgekrönter Bücher geschrieben, in denen es immer um das Zusammenspiel zwischen Kunde, Mitarbeiter und Organisation geht. Mein letztes Buch „Die Orbit-Organisation“ wurde sogar Finalist beim International Book Award 2019.

Gratuliere Dir. Der Titel Deines brandneuen Buches lautet: Querdenker verzweifelt gesucht. Wer sucht denn da verzweifelt? Und warum gerade Querdenker?

Querdenker werden gerade von DEN Unternehmen gesucht, die die Zukunft erreichen wollen. Diese wissen, dass das nur mit unkonventionelle Initiativen abseits der etablierten Vorgehensweisen gelingt. Nicht Allerweltslösungen, Übliches und Altbewährtes, sondern das Besondere, Faszinierende, Bemerkenswerte macht einen zum Überflieger der Wirtschaft. Man kann gar nicht genug frische, freche, kühne, kluge Ideen haben, um seine Kunden immer wieder neu zu betören.

Man kann gar nicht genug frische, freche, kühne, kluge Ideen haben, um seine Kunden immer wieder neu zu betören.

Querdenker sind dafür geradezu prädestiniert.

Sie sprühen vor Ideen, denn sie sehen leicht, wie man das, was in die Jahre gekommen ist, besser machen könnte, sollte und müsste.

Sie reden Klartext, wenn sie Verfahrensweisen aufgespürt haben, die aus der Zeit gefallen sind. Sie zeigen das auf, was für Kollegen und Kunden eine Zumutung ist – und manchen ist das nicht mal bewusst.

Sie sind offen für Fortschritt und treiben mit Mut, Biss und Tatendrang den Wandel voran. Deshalb müssen wir gute Querdenker schützen – und sie unterstützen, wo es nur geht.

Querdenker haben aber nicht überall einen guten Ruf. Man verwechselt sie leicht mit Querulanten. Was zeichnet Querdenker aus Deiner Sicht aus?

Querdenker-Persönlichkeiten sind konstruktiv. Sie zählen zu den wichtigsten Mitarbeitern im Unternehmen. Sie sind Wachrüttler, Infragesteller, Andersmacher, Vorwärtsbringer, Übermorgengestalter. Ihr Denken gegen die Regel gehört zu den maßgeblichsten Erfolgsfaktoren, um sich von Durchschnitt und Mittelmaß abzuheben – und den Sprung in die Zukunft zu packen.

Ihre (Regel-)Vorstöße zielen auf die Verbesserung einer jeweiligen Situation, weil ihre Firma ihnen wirklich am Herzen liegt. Das wird oft verkannt.

Querulanten hingegen sind Personen, die an allem etwas auszusetzen haben, die sich wegen jeder Kleinigkeit beschweren und starrköpfig darauf pochen, Recht zu bekommen. Querulanten legen sich quer um des Querlegens willen. Sie stänkern rum, verbreiten schlechte Stimmung, befeuern die Gerüchteküche, spinnen Intrigen und zetteln Streitigkeiten an. Man kann sie auch als Miesmacher und Quertreiber bezeichnen. Ihr Verhalten ist destruktiv und zu nichts nutze.

Ein hartes, aber klares Urteil! Klassische Organisationen sind ja nicht gerade das Paradies für Querdenker. Wie lange halten sich klassische Organisationen und Querdenker denn gegenseitig aus?

Ja, das stimmt. In den meisten traditionellen Firmen sind Querdenker leider nicht erwünscht. Man hat sie längst fortgejagt, kaltgestellt, kleinmütig gemacht.

Konformismus erscheint zwar praktisch, doch in Wahrheit ist er äußerst gefährlich.

Oder man lässt sie gar nicht erst ins Unternehmen hinein. Bereits im Bewerbungsprozess werden sie aussortiert, weil sie mangelnden Konformismus zeigen. Konformismus erscheint zwar praktisch, doch in Wahrheit ist er äußerst gefährlich. Er knipst das eigene Denken aus. Das Kritikvermögen versandet, Uniformität und Gleichschritt stellen sich ein.

Das passiert, weil tradierte Unternehmen autoritäre Systeme sind. Karriere wird dort durch Anpassung gemacht. Anreizsysteme sorgen für die richtige Richtung. Wer seine Arbeit „at target, on budget, in time“ erledigt, eine Punktlandung auf vorgegebene Ziele schafft und Verfahrenstreue beweist, wird mit Boni und anderen Goodies belohnt.

Wer sich hingegen querstellt, wird leicht sanktioniert. Die Top-Talente, die wirklich was bewegen wollen, die nehmen in einer solchen Umgebung schleunigst Reißaus.

Brauchen Organisationen denn wirklich nur Querdenker? Oder brauchen die denn nicht auch andere, vielleicht sogar querdenkende Führungskräfte?

Sie brauchen definitiv beides: querdenkende Mitarbeiter und querdenkende Führungskräfte.

„Quer“ wird sogar zu einem maßgeblichen Stichwort in der organisationalen Struktur. Innovationen entstehen interdisziplinär. Prozesse werden crossfunktional optimiert. Bürokratie muss bereichsüberlappend abgebaut werden. Die Digitalisierung läuft sowieso quer durch die Firma, sie betrifft alles und jeden. Mit der Agilisierung ist es das Gleiche. Sie muss jeden Winkel im Unternehmen erfassen.

Wenn sich in der Außenwelt alles miteinander vernetzt, dann muss das auch drinnen in den Unternehmen passieren.

Auch eine Kundenreise, die Customer Journey, verläuft immer quer durch die Unternehmenslandschaft über mehrere Abteilungsgrenzen hinweg.

Klassische Unternehmen hingegen agieren noch immer im Rahmen von voneinander abgegrenzten Silo-Strukturen. Die Hauptaktionsrichtung verläuft dabei vertikal, also topdown und wieder zurück. Das passt nicht zusammen. Wenn sich in der Außenwelt alles miteinander vernetzt, dann muss das auch drinnen in den Unternehmen passieren.

Abschließend gefragt: Was braucht es denn in Organisationen, um Querdenker anzuziehen und deren Stärke zu nutzen?

Unternehmen brauchen eine Kultur, die nicht Konformismus, sondern das Denken gegen die Regel honoriert – und umfassenden Spielraum fürs Experimentieren gibt.

Eine tatsächlich gelebte Querdenkerkultur zieht nicht nur ausgabefreudige Kunden, sondern auch die besten Ideengeber und Umsetzungsprofis wie magisch an. Denen geht es vor allem um spannende Aufgaben, um Freiheitsgrade und damit die Möglichkeit, sich selbstwirksam einzubringen, um zum Erfolg ihres Unternehmens beizutragen.

Unternehmen sollen umfassenden Spielraum fürs Experimentieren bieten. Die ewigen Geht-nicht-Sager haben dann keine Argumente mehr.

Längst kristallisiert sich ja inzwischen heraus: Es gibt da draußen eine riesige Zahl großartiger Menschen, die die Einsicht gewonnen haben, dass man nun wirklich nicht länger so weitermachen kann wie bisher. Sie wollen, dass die Unternehmen sich anders aufstellen und dass die Wirtschaft anders wirtschaftet als früher. Sie sehnen sich danach, beseelte Organisationen aufzubauen, die einen bemerkenswerten Umgang mit Kunden, Mitarbeitern, Partnern, der Gesellschaft und unserer Umwelt pflegen.

Nicht zuletzt hat die Corona-Krise gezeigt, wie schnell es notwendig werden kann, Verfahren und Vorgehensweisen über Bord zu werfen, weil plötzlich alles ganz anders läuft als geplant. Sie hat auch gezeigt, wie sich auf einmal Handbremsen lösen.

Rasche, neue, quere Entscheidungen? Geht! Spontan, unkompliziert, unbürokratisch? Geht auch!

Die ewigen Geht-nicht-Sager haben nun keine Argumente mehr. Eigentlich dürfte es kein Zurück zu den Vorgehensweisen von vorgestern geben. Eigentlich!

Danke, liebe Anne, für unsere Gespräche!

Das Buch zum Thema

Anne M. Schüller
Querdenker verzweifelt gesucht
Warum die Zukunft der Unternehmen in den Händen unkonventioneller Ideengeber liegt
Mit einem Vorwort von Gunter Dueck
Gabal Verlag 2020, 240 Seiten,

29,90 Euro
ISBN: 978-3-86936-998-3

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