Persönliche Erfahrungen mit der Sprachanalyse-Technologie Precire. Ein Beitrag zur Serie „Persönlichkeitsprofile im Selbstversuch„.

Es gibt derzeit eine kaum mehr diskutierte Technologie zur Analyse von Persönlichkeit, Kommunikation und Verhalten: PRECIRE. Die Software nutzt Sprache und Text, um ein valides Bild von Mitarbeitern, Kunden, Bewerbern und weiteren Gesprächspartnern zu zeichnen, so das Versprechen.

Ich habe schon viel von dieser Technologie gehört. Diese soll in der Sprache eines Menschen Muster identifizieren und daraus linguistische, psychologische und kommunikationsbezogene Merkmale ableiten.

Dabei werden neben Natural Language Processing Verfahren zusätzlich spezifische Textmuster (Wortkombinationen, Wortfolgen, Satzstrukturen) mittels künstlicher Intelligenz erfasst und ausgewertet. Damit sollen Hinweise auf die kommunikative Wirkung einer Sprache, über Emotion, Persönlichkeit und sprachliche Kompetenz, aber auch über Motive oder Einstellungen sicher gefunden werden.

Die Vorhersagen seien bis zu 85 und 90 Prozent sicher, versicherte man mir. Ich hege hier meine Zweifel, da Sprache sehr situationsabhängig ist. Eine unabhängige Validierung dafür fehle (noch), sagen die Anbieter.

Precire – so ist es mir ergangen…

Der Start war einfach: Ein Mail mit einem Link und Zugangsdaten mit einer Telefonnummer, die man einfach anruft. Dann geht alles schnell und automatisch.

Ich telefoniere mit einer Maschine, die Fragen stellt und die gesprochenen Antworten aufnimmt. Es folgen wiederkehrende Fragen wie zum Beispiel „Beschreiben Sie einen typischen Sonntag“, „Wo finden Sie die beste Entspannung“ oder „Was bereitet Ihnen die meiste Freude an Ihrem jetzigen Job“.

Notwendig für die Auswertung ist eine Sprachprobe von ca. 15 Minuten – je nach Sprachfreudigkeit und –schnelligkeit kann es vorkommen, dass gleiche Fragen öfters gestellt werden (was schon irritierend sein kann).

Nach ein paar Tagen bekam ich ein Mail, dass die Auswertung fertig sei. Es folgte ein telefonisches Feedback-Gespräch, die Auswertung konnte ich kurz vorher schon mal einsehen. Selbsterklärend ist diese jedoch nicht – ein erklärendes Gespräch ist definitiv erforderlich.

Was Precire über mich sagt…

Im Auswertungsgespräch bekomme ich alles Punkt für Punkt erklärt.

Begonnen wir mit den grundlegende Eigenschaften meiner Sprache: verwende ich kurze oder lange, wenig oder viele Wörter: Beschreibe ich in kurzen oder langen Sätzen, mit viel oder wenig Füllwörter mit wenig oder viel Pausen. Durch Anklicken der einzelnen Punkte in der Auswertung öffnen sich die Interpretationen, die wir der Reihe nach durch besprechen.

Mir wird erklärt: Ist die Stimme eher tief, wirke man eher glaubwürdig, einer höheren Stimme könne man jedoch eher länger zuhören. Ist die Sprachflüssigkeit zum Beispiel hoch, trägt das zur Überzeugungskraft bei. Viele Füllwörter beeinträchtigen die Verständlichkeit. Die häufigsten Wörter der Sprachprobe werden in einer Cloud dargestellt. Diese spiegeln ein Thema wider, welches während der Sprache besonders präsent war.

Daraus abgeleitet ergibt sich ein ganz persönlicher Kommunikationsstil, der beschreibt, ob man eher emotional offen, eher autoritär, informativ, zurückhalten oder unterstützend ist.

Zusätzlich wird mir erklärt, wie sehr belastet ich mich derzeit fühle und wie es um die eigene Erholungsfähigkeit bestellt ist. Abschließend erfahre ich noch meine Charakterzüge, die ich so mitbringe.

Was sagen meine Kollegen zu meinem Precire Ergebnissen?

Natürlich interessiert mich die Meinung meiner Kolleginnen. Wirke ich emotional offen, autoritär? Wenig unterstützend?

Sie stimmen der Auswertung zu, dass ich manchmal – wenn nötig – autoritäre Züge habe, aber dennoch sehr flexibel bin. Sie bestätigen auch die freundliche und direkte Art und meine Fähigkeit, Themen direkt auf den Punkt zu bringen (wenig Füllwörter, eher kurze Sätze und eine eher höhere Stimme).

Dass ich wenig unterstützend bin, wie die Auswertung zu Tage bringt, sehen meine Kolleginnen und ich selbst auch nicht so. Ich habe nachgefragt, dieser Punkt bleibt für mich jedoch unbeantwortet.

Die Auswertung meiner Charakterzüge ist derart allgemein gehalten, dass man den Ergebnissen kaum widersprechen kann.

Wo kann Precire eingesetzt werden?

Mein Resümee ist, dass viele Aspekte meiner Person beschrieben werden, ohne dass das dahinterliegende Verfahren transparent wird. Selbst die klassischen Gütekriterien für Testverfahren werden nicht bekannt gegeben (weil diese zum Teil auch nicht erhoben wurden).

Manche Beschreibungen finde ich passend, manche eher weniger. Im Endeffekt gehe ich eher verwirrt, mit wenig „greifbaren“ Informationen aus der Analyse. Immer wieder entdecke ich Widersprüche: Wie kann ich z.B. emotional offen sein (und damit eine rationale Herangehensweise eher vernachlässige), wo ich doch in meiner Sprache eher kognitive Aspekte hervorkehre?

Auch die abgeleiteten Entwicklungsfelder und Ressourcen am Schluss meiner Auswertung, rufen teilweise Irritationen hervor. Zunächst wirkt das Verfahren eher deskriptiv. Gegen Ende scheint es, als stütze es sich eher auf Interpretationen. Und hier ist sie wieder, diese Widersprüchlichkeit: Wie kann ich ein Menschenfreund sein, den Mitmenschen gerne um Hilfe bitten, wenn ich doch insgesamt wenig unterstützend bin?

Ein spannender Ansatz, Sprache zur Persönlichkeitstestung zu verwenden. Das eventuelle Potenzial dieser Technologie wird derzeit aber noch nicht ansatzweise umgesetzt. Schade.

Weitere Post dieser Serie:

Die Durchführung und Auswertung von Precire wurde dankenswerterweise von Brenner&Company kostenlos zur Verfügung gestellt.

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