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Personalarbeit in der Pubertät? Doch, doch. Die Anzeichen sind fast nicht mehr zu übersehen. Eine Hypothese über den Stand der Personalarbeit.

Hypothesen können ja wahr oder falsch sein. Gottseidank. Also formuliere ich mal die These, dass HR-Management gerade in der Pubertät steckt. Auf die Idee hat mich Ralf Junge mit seinem Artikel: “Wie wir unsere Arroganz in der Personalerwelt überwinden und anfangen, fortschrittlich zu werden und umzudenken!” gebracht. Er beschreibt uns Personalisten als arrogant, wenn wir uns ständig um uns selbst drehen und kaum über den Tellerrand blicken. Wenn wir anderen die Schuld geben, dass alles nicht mehr so funktioniert wie wir es gewohnt sind. Kurz zugespitzt: von nichts eine Ahnung und trotzdem besserwissend, Hauptsache cool und anders aber dennoch daneben, aufgezwungen kommunikativ an der Grenze der Peinlichkeit. Na, wenn das nicht pubertär klingt.
Auch aus anderen Stellen der HR-Suppe kommen immer öfter pubertäre Meldungen: mein Kollegen Jörg Buckmann hat den “Frechmut” im Personalmananagement ja quasi erfunden. Und meine Zusammenfassung des diesjährigen HR BarCamps (“Die HR Bullen kommen“) schlägt da in die gleiche Kerbe. Die trolligen, lieben HR-Bären mausern sich zu Bullen „mit Eiern“. Habe ich da, ohne es zu wissen, den Abschied vom Kind-sein beschrieben?

Personalarbeit ist lästig und stört

Wer die Elternrolle in diesem Vergleich innehat, ist wohl klar: das Management. Dabei kam das Management zu den Personalisten wie die Jungfrau zum Kinde. Gerade als vor etwa 100 Jahren das „Scientific Management“ die Betriebsführung auf eine wissenschaftliche Basis stellte, überraschten die Hawthorne-Studien mit ihren anderslautenden Ergebnissen: Führungsstil und sozioemotionale Faktoren machten den Unterschied, nicht das Geld! Eine für die Wissenschaft neue Erkenntnis. Das Kind war geboren, allerdings wohl alles andere als ein Wunschkind. Es erhielt anfangs wenig elterliche Aufmerksamkeit und so dauerte es noch Jahr(zehnt)e, bis das Management mit Personalarbeit etwas anfangen konnte. Wenn sie nun mal da sind, sollten sie sich nützlich machen: so durften sie gerne verwalten und administrieren. Kinderleicht, wie heute noch viele meinen.

Management: Eltern oder bloß Erziehungsberechtige

Als dann in den 1970er die Arbeitnehmervertreter immer mächtigeren Einfluss erhielten, durften auch Personalisten in diesen Prozessen an vorderster Front mitspielen. Viele Vorstände glauben, Personalabteilungen seien dazu da, ihnen das Personal vom Leib zu halten. Und das letzte Wort hatten immer noch die Eltern.
Das Kind Personalarbeit wurde älter, konnte mehr, durfte mehr. Dann soll es doch zeigen, was es kann: Ökonomisierung und Rationalisierung waren in den 1990ern die große Aufgabe, aber bitte ohne große Wellen. Personalmanagement eben. Wer das Sagen im Unternehmen hat, war noch immer allen klar.

„Der Vorstand will das eben so“, ist auch heute noch eine beliebte Begründung für Personalisten, warum man – naja, sagen wir stark verbesserungswürdige Konzepte – umsetzen muss. Man selbst wüsste es ja besser. Aber wenn es der Vorstand sagt.
Nicht immer ist es die Kommunikation, die beide trennt. Das Selbst- und Fremdbild des Personalmanagements klafft auseinander. Die Eltern meinen, dass die Kinder nicht mehr so gut verwalten und damit nicht mehr so brav sind. Die Kinder meinen, dass sie einen guten Job machen und – wenn man sie ließe – einen noch besseren machen könnten. Wo kommen wir denn da hin? Auf einmal fangen Kinder an, zurückzureden und eigene Vorstellungen einzubringen. Sie lassen nicht locker und probieren´s immer wieder. „Biiiiitttee“.  Zugegeben, nicht alle Vorhaben sind sinnvoll oder zumindest zielführend (wie es Ralf Junge beschreibt). Manche sind einfach von anderen abgeschaut oder gerade hip und modern. Ein bisschen ungelenk hat, wie sie halt so sind die heranwachsenden Kids. „Biiiiitttee, die anderen dürfen auch“. Dabei ist es nicht mehr so wichtig, ob die Wünsche und Ideen zu einem selbst oder zum Elternhaus passen. Logisch, dass das Management da nicht immer mitziehen kann oder will. „Ihr seid ja ur-gemein!

Ja, wie heißt´s so schön: Pubertät ist, wenn die Eltern anfangen schwierig zu werden.

Was, wenn´s wahr wäre…

Eltern haben´s ja angeblich nicht leicht mit ihren pubertierenden Kindern. Sie verschließen sich, wissen alles besser und sind manchmal richtig angewidert von ihren “Oldies”. Und doch hat die Pubertät ihre wichtige Funktion: Abnabelung von den Eltern, Reifen durch Selbsterfahrung und die eigene Identität ausprägen. Alles überlebenswichtig. Und zusätzlich eine Zeit der Dynamik, des Muts und Kreativität, wie uns Hirnforscher versichern.

Die Pubertät ist ein point-of-no-return, in dem alle Beteiligten Stellung beziehen müssen. Das geht nicht immer konfliktfrei. Je enger die Leine des Personalmanagements, desto heftiger müssen diese ausfallen. Nicht immer laufen pubertäre Phasen ohne Schaden ab, einige führen sogar zum Bruch. Kein Wunder also, dass manche schon das Ende der Personalarbeit im jetzigen Sinne für möglich halten. Oder die Gefahr, dass Personalarbeit als verzichtbarer Kostenfaktor downgegraded wird.

Trotzdem müssen alle durch die Pubertät. Denn nur dadurch ist es möglich, dass sich Eltern und Kinder auf Augenhöhe begegnen und respektvoll voneinander lernen.

Also nur (Frech)mut, liebe Personalisten, bewegt Euch! Die Pubertät geht wieder vorüber. Dann könnte es ja doch noch etwas werden mit dem viel-zitierten und wenig-gelebten „Business Partner“. Wer es dann noch sein will. Jedenfalls könnten Unternehmen durch Führung und HR-Arbeit wirklich alle menschlichen Potenziale heben, wenn die Markt- und Management-Expertise gleichrangig mit der Menschen-Expertise gemeinsam Wege zum Erfolg findet. Und Organisationen würden damit vielleicht ein wenig Menschen-orientierter.

Und für den Fall, dass wir Personalisten es gar zu bunt treiben in unserer Pubertät, gibt´s jede Menge Ratgeber fürs Management: wie zum Beispiel den Pubertäts-Überlebensbrief von Jan-Uwe Rogges.

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