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Wie formulierte es Getting-Things-Done (GTD)-Autor David Allen so treffend:

Your mind is for having ideas, not holding them.

David Allein

Vor genau einem Jahr setzte ich mir das Ziel, mir mein persönliches digitales Wissens- und Lernframework zu schaffen – ein Second Brain, einen Knowledge Garden. Das Jahres-Jubiläum nehme ich zum Anlass, meine Erfahrungen zu teilen.

Wie alles begann…

Meine Ablagen von Konzepten, Beiträgen, Ideen waren sehr zerklüftet, bei weitem nicht vollständig und vor allem im Anlassfall unauffindbar. Wenn ich dann einen Gedanken später aufgreifen wollte, so konnte ich kaum mehr auf die Details zugreifen – und ich begann zu suchen. Nur selten mit Erfolg. Ich möchte gar nicht wissen, wieviele gute Ideen oder Quellen mir nicht mehr zugänglich waren, weil ich gar keine Erinnerung mehr daran hatte ;-). Das wollte ich ändern.

Und ich war nicht alleine – im Zuge der #CLC-Initiative #MeinZiel22 fand (s)ich eine Lerngruppe und so experimentierten wir gemeinsam mit unterschiedlichen Konzepten und Workflows. Und jede:r fand den eigenen Weg.

Logseq als Tool

Mein Weg seit mittlerweile 12 Monaten: Alle Gedanken- und Quellen-Schnipsel kommen in eine offene Infrastruktur, die auch unabhängig vom jeweiligen Tool funktioniert. Die habe ich mit der Open Source Software Logseq gefunden. Die Inhalte liegen auf lokalen Markdown-Dateien (also im Textformat), die Software sorgt für Darstellung und interner Verlinkung. Zusätzlich bietet Logseq – ähnlich wie Obsidian -mächtige Funktionen, u.a. neben Texten auch pdfs und Videos einzubinden und zu vernetzen. Die (bi-direktionalen) Verlinkungen können auch als grafischen Knowledge Graph dargestellt und bearbeitet werden. (siehe Come for the graph, stay for the journal via Torben Mau)

Mein (wöchentlicher) Workflow

Schon zu Beginn war schnell klar, dass mein Workflow der Idee “Capture –> Organize –> Synthesize” folgen sollte. Klingt logisch – ist es aber nicht, wie ich heute weiß. Der Prozess hat sich im Laufe der Monate grundlegend umgekehrt, nämlich “Synthesize <– Organize <– Capture“. Und das ist gut so. weil es den Fokus auf das Ergebnis legt.

Schubumkehr?

Als Neulinge, die wir vorwiegend in der Lerngruppe waren, ging es uns vorerst darum, den Container für die eigenen (und gefunden) Wissensinhalte zu klären und diese dann in dieses “zweite Gehirn” zu bringen. Wohl verständlich, bei anfangs blütenweißen leeren Brain.

Doch das Sammeln kostet Zeit und lässt einen schnell nach Shortcuts und Automatisierung suchen. Die erinnerte mich eher an harte Forstarbeit in einem feucht-schwülen Frühjahr.

90 Minuten pro Woche Knowledgearbeit war geplant, die waren schnell durch zusammentragen und sammeln gefüllt. Die so gesammelten Inhalte zu organisieren, zu vernetzen, zu bearbeiten war da einfach nicht (mehr) drinnen. So kam über die Monate viel zusammen und der “Haufen” an Ideen wurde immer größer und unbearbeitbar, ein echter Nutzen immer weniger erkennbar.

Wo blieb denn die Metapher des (wildromantischen, gepflegten) Gartens mit Blüten und Früchten?

Du fügst dem System ständig Energie hinzu,
aber Wenig davon kehrt zurück.

Der Lohn für die Gartenarbeit ist die Freude an den Blüten und die wohlschmeckenden Früchte – und nicht das reinschaufeln von Erde und das Setzen von Jungplanzen. Das Ergebnis steht im Fokus, nicht der Input. Und so stellte ich den Workflow auf den Kopf.

Bei der Themenrecherche in meinem Brain bearbeitete ich Inhalte, kopierte hin und her, fasse zusammen, entdecke Vernetzung. Erst die anlassbezogene Bearbeitung von Themen sorgte für einen Überblick und lässt neue Ideen (und Fragestellungen) wachsen. Durch die inhaltliche Bearbeitung entstehen laufend neue Strukturen, neue Vernetzungen und neue Einsichten.

Alles braucht einen Zweck!

Hilfreich dabei ist eine konkrete Aufgabe oder Fragestellung – die ergibt sich aus einer Blogidee, einem Training oder den Überblick über ein anstehendes Projekt. Der konkrete Zweck ist also der Anlass (synthesize), diese Ecke des Gartens zu bearbeiten, umzugraben, zu jäten und auszusortieren. Ich habe gelernt, zusammenzufassen und zu löschen (organize). Erst die Verwendung der Notizen macht diese wertvoll: die Sammlung aus diversen Quellen ist eine Anreicherung der Inhalte, aber nicht deren ursprünglicher Zweck.

Damit wird das Sammeln (capture) schlicht zur Nebenaufgabe. Alle täglich anfallenden Ideen, Zitate, Literaturschnipsel und auch Bearbeitungsaufgaben kommen (gleich mit Tags und Links) in das Tagesjournal und können so rasch wiedergefunden werden. Mit jeder neuen Recherche im Garten werden diese an eine passende Stelle verschoben. Durch die laufende Bearbeitung werden die Tagesjournale eines Tages leer sein (das ist zumindest mein Ziel), weil die Inhalte in die bestehende Landschaft integriert wurden.

Nicht mehr, sondern dichter

Damit entsteht ein Fundus, der sich nicht dadurch auszeichnet, möglichst Viel möglichst umfangreich abzubilden. Sondern ein wertvoller Wissensschatz, der sich durch Vernetzung, Dichte und Tiefgang auszeichnet.

Derzeit umfasst mein Graph rund 1.300 Seiten (+300 in den letzten 7 Monaten), ca. 12.000 Blocks (entspricht einer Verdoppelung seit Mai 2022) sowie rund 1.200 Links und Verbindungen (de facto keine Veränderung). Das zeigt, dass die Seiten (also Themen) in dieser Zeit etwas vielfältiger geworden sind, aber die Inhalte und Information dazu (in Blocks) doppelt so tief und breit geworden sind, ohne durch übermäßige Verlinkung dann den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen.

Grafische Darstellung (Graph) meines Digitalen Garten mit Seiten und Querverbindungen

Was ich gelernt habe…

  • Einen Knowledge Garten aufzubauen ist ein Dauerlauf, kein Sprint.
    Es braucht ein paar Grundüberlegungen zum Werkzeug und dem eigenen Zweck, der Rest entsteht im Gehen. Mehr Gelassenheit mit einer “Nix-is-Fix”-Haltung ist da hilfreich. Strukturen ergeben sich dann aus der Arbeit mit den Inhalten. Die flache Hierarchie ohne weitere Ordnerstruktur aus Logseq ist hier hilfreich.
  • Ein Knowledge Garten braucht eine konkrete Anwendung für die Notizen.
    Fange beim Ergebnis an zu arbeiten. Sonst bleibt es ein wenig hilfreicher unübersichtlicher Haufen an Informationen. In meinem Fall sind es Ideen für Projekte, Blogposts oder Trainings.
  • Achte auf deine Daten
    Oft haben Softwareprodukte proprietäre Datenstrukturen, die nur schwer in andere Strukturen überführbar sind. U.a. auch deshalb habe ich Logseq gewählt.
    Obwohl meine Texte in simplen Markdown-Formaten auf dem Laufwerk liegen, so liegt es an der Software, diese zu verarbeiten und darzustellen. Und da sind selbst solche Produkte wie Obsidian oder Logseq (sehr) eigen. Mit anderen Worten: Es gibt KEINE komplett offene, zukunftssichere und leicht auszutauschende Software. Ein späterer Wechsel ist jedenfalls mit mehr oder weniger großen Umbauarbeiten verbunden. Eine Überlegung vorab lohnt sich also, wie die Inhalte im Fall des Falles wieder (und in dieser Struktur) aus dem Tool herauszubekommen sind.

Wie geht´s weiter?

Ich bin zufrieden mit dieser Lösung, ich kann sehr gut damit arbeiten.

Gerade zu Beginn hat mir eine mobile Variante von Logseq gefehlt. Das ist mittlerweile anders, denn die Arbeit an den Inhalten (synthesize, organize) erfordert Konzentration und (Bildschirm)Fläche – und ist daher mobil nicht gut zu erledigen.

Noch fehlt mir eine nachhaltige Lösung für die Einbindung von Bildern und Grafiken. Das kann Logseq zwar, legt diese aber alle in nur einem Ordner mit internen Filenamen ab. Das könnte für Probleme bei einem etwaigen Umzug sorgen, also bleibe ich hier sehr zurückhaltend bei der Ablage.

Im Dezember habe ich alle meine Leseaktivitäten auf Readwise gebündelt und all meine RSS-Abos auf dem neuen Readwise Reader zusammengeführt. Ich kann dort – auch online und mobil – Zitate und Stellen markieren und taggen (capture). Die automatische Schnittstelle liefert mir meine Anmerkungen direkt nach Logseq zur weiteren Verarbeitung.

Natürlich behalte ich die technischen Entwicklungen bei Logseq sowie die alternativen Möglichkeiten für meinen Garten im Auge. Jüngst konnte ich mit Tana und Capacities experimentieren. Beide arbeiten mit großen Online-Datendanken, und genauso fühlt es sich auch an. Wenn ich dort Information einstelle, sollte ich diese auch gleich qualifizieren oder mit Attributen ergänzen. Das lenkt (zumindest mich) ab, in Logseq dürfen Inhalt und Struktur parallel und nebeneinander entstehen. Dennoch traue ich gerade Capacities.io viel zu und beobachte die Entwicklung genau.

#MeinZiel23, ich komme!

Die Corporate Learning Community, zu deren Kernteam ich seit Kurzem dankenswerter Weise zählen darf, wiederholt auch heuer wieder die Initiative.

Die Ergebnisse der Lerninitiativen des letzten Jahres waren zwiespältig, und verführen, Learning Professionals die Fähigkeit zum selbstgesteuerten Lernen abzusprechen. Mal sehen, wie es diesmal läuft. Am 30. Jänner geht´s los – und ich bin wieder dabei.

Seid gespannt, was ich mir diesmal vornehme….

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