Lernen ist die wichtigste Zukunftskompetenz in Unternehmen, heißt es. Dumm nur, dass wir da ziemlich eindimensional unterwegs ist.

Gestern wurde er zum siebenten Mal begangen, der Tag der Weiterbildung. Bereits im Vorfeld warteten die Organisatoren mit einer aktuellen Studie über den aktuellen Stand in Österreich auf. Gleich mal die gute Nachricht: Lernen wird in fast allen Unternehmen als wichtige Voraussetzung für eine gute Wettbewerbsfähigkeit verstanden. Daher wird auch heuer wieder in fast 9 von 10 Organisationen das Weiterbildungsbudget gehalten oder sogar aufgestockt.

Der Schulungsreflex: Weiterbildung = Schulung

So, aber nun zum bitteren Teil: Auch in dieser Studie wurden unter dem Titel „Weiterbildung“ wieder einmal ausschließlich Schulungen und Trainings betrachtet. Weiterbildung wird einmal mehr mit Schulung gleich gesetzt. Als ob es da keine anderen Werkzeuge gäbe!

Doch was für Recruiter der Inserats-Reflex, scheint für Personalentwickler der „Schulungsreflex“ zu sein. Ganz nach dem Rezept: „Es muss gelernt werden, also brauchen wir eine Schulung!“
Selbstverständlich mit allen didaktischen Finessen: formulierte Lernziele, beste Inhalte, didaktischer Methoden-Mix und ausgefeilter Lernerfolgskontrolle. Das ist ja unsere Expertise, dafür sind wir Personalentwickler ja da.

Die aktuelle Studie verrät uns außerdem: Mehr als zwei Drittel aller Unternehmen messen die Trainingserfolge. Ja, fällt Euch da beim Messen nichts auf, liebe Prüfer und Tester?  Es ist eine mehrfach bewiesene Tatsache, dass nur ein geringer Teil der Schulungsinhalte tatsächlich im Alltag ankommt. Ein Phänomen, das erfahrene Personalentwickler als Scrap Learning fürchten.

Habt Ihr in der Schule nichts gelernt?

Wir alle waren in der Schule und haben unsere Erfahrungen gemacht. Vieles vom Schulstoff haben wir schon vergessen (sollten wir es je wirklich gelernt haben!). Doch kaum sind wir in Unternehmen bauen wir genau den Lehrbetrieb nach, der uns selbst in Schulzeiten bereits gelangweilt hatte. Mit einem bedeutenden Unterschied: diesmal halten WIR die Inhalte für die Teilnehmer für wichtig. Damals taten es die Lehrer für uns!

[social_quote duplicate=“no“ align=“default“]„Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“ Paul Watzlawick[/social_quote]

E-Learning als Revolution, dabei ist das Medium egal

Doch wenn Schulungen so wenig bringen, dann nutzen wir halt die modernen Medien, um es besser zu machen: e-Learning! Gute Idee: Der Computer ist schließlich der unerbitterlichste Lehrer, den wir haben. Er gibt nicht auf und verliert nie die Geduld – bis zur letzten Testfrage!

Es wurde aber auch mehrfach festgestellt: das Medium selbst macht keinen Unterschied. Wenn der transportierte Inhalt der gleiche ist, ist auch das Ergebnis das Gleiche.  Egal über welches Medium, (e- oder präsenz- oder ganz anders) „transportiert“ wurde.

Was das Lernen unserer Teilnehmer limitiert, ist das, was im Kopf (Herz oder Bauch) des Lerners vorgeht. Oder wie es Hirnforscher Gerald Hüther ausdrückt: „Erfolgreiches Lernen muss unter die Haut gehen!“

Raus aus der Linearität: Die Zauberformel 70:20:10

Menschen lernen nicht nur in Schulungen. Nein, sie lernen IMMER. Auch das wissen wir nicht nur von Neurowissenschaftern: Unser Gehirn ist eine Lernmaschine und lernt den ganzen Tag. Also lasst uns das doch nutzen!

[social_quote duplicate=“no“ align=“default“]Menschen lernen immer. Lasst uns das für die Weiterbildung nutzen![/social_quote]

Charles Jennings wollte die Diskussion genau an diesen Punkt führen und lieferte uns sein 70:20:10-Framework:
70% dessen, was wir für unseren Job brauchen, lernen wir „informell“, also im wahren Leben durch ausprobieren oder beobachten, 20% durch Coaching, Mentoring, Beratung oder andere soziale Interaktionen und nur 10% lernen wir in formalen Trainings.

Was er uns damit sagen wollte: Der größte Anteil unseres erfolgreichen Lernens findet außerhalb von Schulungen statt. Also greifen wir doch nicht reflexhaft zur x-ten Schulung, sondern überlegen uns Formen, wie wir den weit größeren Teil des Lernens unterstützen können.

Doch was haben Personalentwickler dieser Welt verstanden? „Ach so, wir sollen nur noch 10% unseres Lernbedarfs „formell“ in Trainings abwickeln.“ Offensichtlich lieben Personalentwickler einfache Rezepte: von nun an 10% Schulung, 20% Coaching und 70% on-the-job-Training!

Spätestens mit der ersten empirischen Studie war die Verwirrung allerdings perfekt: 50:26:24 sei der aktuelle Mix in den Unternehmen derzeit, also liegt Jennings nun falsch? Nein, denn es geht doch gar nicht um die Zahlen, sondern um das „Erkennen von Möglichkeiten“ im täglichen Arbeitsbetrieb. Nutze den Alltag für Deine Lernbotschaften! Es muss nicht immer Schulung sein!

Lernen? Uns fehlen anerkannte Werkzeuge!

Aber wenn nicht Schulung, was dann? Da schaut es derzeit düster aus in unserem Standard-Werkzeugkasten. Aber vielleicht brauchen wir ja weniger neue „Werkzeuge“, sondern müssen nur Wege finden, die Selbstlernkompetenz zu fördern und steigern. Also vom Push-Teaching zum Pull-Learning!

Schauen Sie doch rein ins Leben! Dort funktioniert das hervorragend. Denken Sie zum Beispiel an den Erfolg von Facebook: Gibt es irgendwo Facebook-User-Schulungen, zu denen man sich anmelden könnte? Vereinzelt, vielleicht! Und doch sind  3,4 Mio Nutzer in Österreich derzeit auf dieser sozialen Plattform online,  72% davon nutzen Facebook mindesten einmal am Tag. Ganz ohne flächendeckende Schulung!
Es braucht also nicht immer unser Standardinstrument „Schulung“. Auch nicht für Anwendersoftware. Sondern nur die richtige Einstellung, die Neugier und das „Dabei-sein-wollen“ des Users!
Ginge dies ohne Schulungen nicht, so wären in Österreich wohl die Schulungskapazitäten allein für Facebook eng geworden. Dann hätten seit dem Start 2008 bis heute JEDEN Tag 222 (!) Schulungen mit 12 Teilnehmern stattfinden müssen, um die 2,5 Mio täglichen Nutzer Facebook-fit zu machen. Zu teuer und zu langsam!

Personalentwickler, lernt daraus! Der Mensch lernt jeden Tag, vor allem das was ihm (selbst oder sozial) unter die Haut geht. Lernt vom Marketing, um (Lern-)Bedürfnisse zu wecken, nutzt die Dynamik der Gruppe. Setzt Online-Aktionen, organisiert reale Interaktivitäten und schafft bleibende Lernerlebnisse!

Perfekt zu diesen Gedanken passt abschließend die Illustration Tanja Föhr, die sie zu den Kompetenzen für das Arbeiten 4.0 erstellt hat:

Lösung und Lernen
Bild: Tanja Föhr, pic.twitter.com/aqFOyeoVQu
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