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Der Fachkräftemangel in der Pflege ist hausgemacht, ist Andrea Lehwald überzeugt. Sie möchte mit ihrem Buch wachrütteln und meint: „Wir müssen in der Personalarbeit einfach mehr tun!“

„Wir brauchen mehr professionelles Personalmanagement in Kliniken und Pflegeeinrichtungen!“,

sagt Andrea Lehwald. Sie ist gelernte Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivpflege und arbeitet heute als Unternehmensberaterin im Gesundheitswesen.

Ich habe bei ihr nachgefragt, was denn passieren müsste, um Krankenpflege-Personal zu finden und länger zu binden.

Danke, Frau Lehwald, für unser Gespräch. Bitte stellen Sie sich kurz vor.

Foto: Andrea Lehwald

Ja, gerne. Als Unternehmensberaterin unterstütze ich Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Institutionen des Gesundheitswesens im Bereich Personal. Die Themen Mitarbeiterbindung, strategisches Personalmarketing und Prozessoptimierungen sind heutzutage relevanter denn je. Als ehemalige Fachkrankenschwester, Managerin für Expert Leasing, sowie Fachtrainerin für soziales Coaching kenne ich die Strukturen im Klinikbereich sehr gut.

In meinem neuen Buch „Krankenpflege-Personal finden und binden“ zeige ich auf, wie man den Fachkräftemangel durch verschiedene Maßnahmen hausintern in den Griff bekommen kann.

Ich freue mich, dass wir beide heute über dieses Thema sprechen können.

Am Fachkräftemangel leiden ja viele Bereiche. Wo liegt denn die Besonderheit bei der Pflege?

Die Pflege hat einen besonderen Status, weil sich dahinter auch ein gesellschaftlicher Aspekt verbirgt.

Es gibt in der Pflege heute schon ein Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt. Diese Schere wird durch den demografischen Wandel und einer älter werdenden Gesellschaft noch weiter aufgehen. Damit bleibt es nicht ein Problem einer Branche, sondern der gesamten Gesellschaft.

Ich arbeite ja viel in diesem Umfeld und orte zusätzlich bei jungen Menschen eine geringe werdende Attraktivität des Pflegeberufes. Das Ansehen sinkt durch die aktuellen Umstände in der Pflege weiter: schlechte Bezahlung, geringe Wertschätzung, schwierige Arbeitszeiten, wenig Familienfreundlichkeit und wenig Karriere-Chancen.

Die, die noch in diesem Beruf arbeiten, leiden zusätzlich unter dem Personalmangel und die geringe Gestaltbarkeit der eigenen Arbeit: die Arbeit ist eingetaktet, bietet wenig Gestaltungsspielräume und wird immer – auch durch diesen Personalmangel – mehr.

Nur ganz wenige bleiben länger als ein paar Jahre in diesem Beruf, weil die Unzufriedenheit zu einfach groß geworden ist. Selbst Auszubildende suchen nach Abschluss rasch das Weite.

Wie könnte man Menschen länger in der Pflege behalten?

Das Paradoxe ist ja, dass genug Menschen gäbe, die sehr gerne in sozialen Berufen arbeiten würden. Das sind soziale Menschen, die gerne am Menschen arbeiten, denen nah sein, was Gutes tun, und andere vernünftig versorgen wollen. Viele in der Pflege haben genau deshalb diesen Beruf gewählt.

Aus Stress- und Überforderungsgründen können sie nicht so arbeiten, wie es deren Bedürfnissen gerecht wird. Damit finden diese Menschen keine Befriedigung mehr in der Aufgabe und gehen dann unzufrieden nach Hause.

Damit dreht sich eine Spirale: Menschen wandern ab, gehen aus der Pflege heraus. Damit steigt das Arbeitsaufkommen in den Häusern und die Belastung für das bestehende Personal. Und wenn diese Lücken durch Leihpersonal gestopft werden, erzeugen Einschulungen noch zusätzlichen Druck.

Man hat einfach nicht mehr ausreichend Zeit für seine Patienten. Was am Ende des Tages bleibt, ist das Gefühl,es heute wieder nicht geschafft zu haben. Dieses Gefühl muss ein anderes werden, es braucht mehr Zufriedenheit und Anerkennung!

Wie erreicht man diese Zufriedenheit, damit die Pflege attraktiv und begehrt wird?

Da kann man eine ganze Menge tun: Wertschätzung steht da ganz zentral im Vordergrund.

Das sind schon ganz banale Dinge, wie z.B. Danke sagen oder das Gefühl geben, dass die eigene Arbeit wertvoll und wichtig ist. Oder man schafft mehr Entscheidungsfreiheiten, lässt die Mitarbeiter mitgestalten, bindet sie ein und behandelt sie nicht von oben herab.

Vielen ist gar nicht bewußt,
wie angespannt die Situation ist.

Andrea Lehwald

Gerade in den Kliniken ist das oft nicht gegeben. Ärzte, Verwaltung oder Geschäftsführung haben eine andere Sicht, da wird die Pflege oft übergangen oder ignoriert. Wenn man dann über Belohnungssysteme oder familienfreundliche Arbeitszeiten nachdenkt, heißt es oft: „Das geht bei uns nicht!“ Die Strukturen sind noch relativ starr.

Es gäbe viele Möglichkeiten, die werden aber nicht gesehen, weil das Bewusstsein für die angespannte Situation oft noch gar nicht da ist.

Wie kann man so ein Bewusstsein schaffen?

Eigentlich braucht man nur hinsehen: die Leute bleiben nicht und es gibt auch keine neuen Bewerbungen mehr. Vor dem Hintergrund des steigenden Pflegebedarfs sollte rasch erkennbar sein, dass wir hier ein Problem kriegen. Die Situation wird ja nicht besser, ganz im Gegenteil, eher schlechter.

Vieles, was heute in Kliniken passiert, kommt noch aus einer Zeit, in der man noch nicht so viel tun musste. Die Leute waren einfach da- Doch die Zeiten haben sich geändert, die Leute kommen nicht mehr von alleine, die Berufswelt wird bunter.

Wenn man mit Führungskräften spricht, dann haben die gar nicht das Gefühl, dass die Leute unzufrieden sind. Führungskräfte verweigern ja nicht absichtlich den Mitarbeiter jede Wertschätzung. Das sind alles Aspekte der Umgangs- und Arbeitskultur, die sich nicht von alleine verbessert. Da braucht es noch ein Umdenken.
Erst wenn man realisiert, dass alle aktiv was dafür tun müssen, dass Mitarbeiter bleiben und sie neue dazu gewinnen, kann man Bewegung rein bringen.

Vielleicht helfen da gute Beispiele von Häusern, die heute attraktiv sind und teils sogar mehr Bewerbungen bekommen als jemals davor. Aber die haben einen intensiven Weg hinter sich, haben an der Organisation und der Arbeitskultur gearbeitet, auch getragen durch die Geschäftsführung.
Das hat eine Zeit gedauert, aber jetzt funktioniert es. Ich glaube, man muss einfach mal beginnen, da gibt es keine Patentlösung.

Was haben diese Kliniken denn anders gemacht?

Alles beginnt mit der Geschäftsführung und einem Problembewusstsein, also der Einsicht, dass man was Neues kreieren muss und aktiv einen Prozess beginnt. Mit offener Ansprache und einer guten Kommunikation. Am besten bindet man möglichst viele dabei ein, Personalabteilung, Führungsebenen, aber auch die Mitarbeiter selbst.

Krankenpflege ist nicht nur ein Beruf,
sondern eine Lebenseinstellung.

Andrea Lehwald

Es gibt ja sie Zielgruppe, die gerne in der Pflege arbeitet. Wir müssen nur die Rahmenbedingungen attraktiver gestalten. Das ist ein dauerhafter Prozess, keine einmalige Sache, sondern muss permanent weiter angeschoben werden: laufend neue Ideen entwickeln, und Bestehendes weiter verfeinern.

Am wichtigsten halte ich die Einbindung der Mitarbeiter: die sollten erkennen, wir werden informiert, wir sind im Boot und können selbst mitgestalten. Das setzt ungeahnte Energien frei. Menschen, die gesehen werden, machen gerne Werbung für ihren eigenen Arbeitgeber.

Die bleiben dann auch länger und bringen bessere Leistungen als Leute, die sich nur mehr zur Arbeit schleppen und sich jeden Tag unwohl fühlen.

Das kann ich nur bestätigen.
Danke, Frau Lehwald, für das Gespräch!

Das Buch “Krankenpflege-Personal finden und binden” ist hier erhältlich.

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