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Gibt es ihn nun oder nicht, den Fachkräftemangel? Leiden wir an Phantomschmerzen durch schlechtes Recruiting oder sind es schon ernsthafte Symptome eines akuten Fachkräftemangels?

Die einen studieren und diagnostizieren den Fachkräftemangel (z.B. aktuelle Fachkräftemangelstudie 2014 von der Manpower Group) bis ins Detail.

Andere behaupten, der Fachkräftemangel sei nur Mythos, so wie Bestsellerautor Martin Gaedt. Er hält den Fachkräftemangel für eine gesellschaftlich akzeptierte Ausrede für langweiliges Recruiting. Also was nun? Na, dann wagen wir doch einen Blick auf den österreichischen Arbeitsmarkt des letzten Jahres und finden es hier heraus!

Wer nicht findet ist nur zu faul zum Suchen?

Geschätzte 260.000 Stellen waren insgesamt letztes Jahr in Österreich offen. Dazu schalteten die Arbeitgeber 385.000 Stelleninserate in österreichischen Zeitungen und Jobbörsen, mit einem Gegenwert von über 180 Mio Euro (Listenpreise). Bei rund einem Drittel der Vakanzen durfte auch das Arbeitsmarktservice (AMS) mitmischen. Das traurige Fazit: Fast die Hälfte dieser Stellen (46%) blieb länger als 3 Monate unbesetzt.

Mit anderen Worten: Fast 120.000 Stellen konnten binnen 3 Monate nicht besetzt werden. Jetzt könnte man laut über den wirtschaftlichen Schaden und den Produktivitätsverlust in österreichischen Unternehmen sinnieren. Oder über die offensichtliche Unfähigkeit der Recruiter sprechen. Immerhin waren zur gleichen Zeit waren über 300.000 Österreicherinnen und Österreicher arbeitslos gemeldet.

Das sind 350.000 Arbeitssuchende bei etwa halb so vielen offenen Stellen. Also doch kein Fachkräftemangel, sondern nur faule Recruiter? An vielen anderen Stellen (wie hier bei Ina Ferber) wurde diese Rechnung schon als Milchmädchenrechnung entlarvt. Also rechnen wir mal selbst nach!

4,4 Millionen Menschen in Arbeit

Also ganz von Anfang: als heuer wieder unser Herr Bundespräsident seine Neujahrsansprache mit “Liebe Österreicherinnen und Österreich” begann, sprach er damit genau 8.507.786 Personen an. Doch wir wissen, Recruiter haben da ein weit kleineres Auditorium.
Von diesen 8,5 Mio Einwohnern streichen wir alle jene, die dem Arbeitsmarkt mal grundsätzlich nicht zur Verfügung stehen: 1,3 Mio Kinder unter 15 Jahre sowie 1,6 Mio Senioren über 65 Jahre. Macht in etwa 5,6 Millionen Menschen im Haupterwerbsalter.
Nicht alle davon können arbeiten: ziehen wir also die rund 1,1 Mio Schüler/Studenten über 15 Jahre, alle Pensionisten unter 65 Jahre sowie dauerhaft Arbeitsunfähige jeden Alters ab. Dann bleiben nur noch 4,5 Mio Österreicher. Hinzu kommen die rund 0,5 Mio Nicht-Österreicher, die ebenfalls am Arbeitsmarkt mitmischen. Ergibt rund 5 Mio Menschen, die grundsätzlich einen Arbeitsplatz annehmen könnten.

Alle Daten finden sich bei der Statistik Austria. Dort finden wir auch jene, die gar nicht arbeiten wollen: rund 0,4 Mio Personen, die bei der Statistik Austria als „haushaltsführend“ geführt werden sowie ca. 0,1 Mio Menschen, die nicht arbeiten und auch keine solche suchen („Stille Reserve“). Zusätzlich 0,1 Mio (Eltern- oder Bildungs-)Karenzierte, die bei unseren Stellenbesetzungen – verständlicherweise – auch nicht mitspielen wollen. Alle diese abgezogen, bleiben 4,4 Mio Personen in Österreich, die letztes Jahr gearbeitet haben (oder dies zumindest angestrebt haben).

Bleiben theoretisch 380.000 Kandidaten

Auch von diesen 4,4 Mio stehen nicht alle im Zentrum der Begierde. Nehmen wir zum Beispiel die 0,6 Mio Selbständigen. Die, die sich auf offenen Stellen bewerben, tun dies meist aus Erfolgslosigkeit. So die häufige Annahme. Erfolglose haben bei vielen Recruitern sowieso keine guten Chancen. Das leuchtet ein, denn erfolgreiche Selbständige bewerben sich wahrscheinlich nicht. Macht ja nichts, bleiben noch immer 3,8 Mio Menschen.

Weiters ziehen wir die rund 0,1 Mio Personen ab, die gerade in Lehrausbildung sind. Von den verbleibenden 3,7 Mio Arbeitskräften sind viele so gut platziert, dass sie nur schwer gewinnbar sind: wie z.B. die 0,5 Mio Menschen im Öffentlichen Dienst, die wir hier pauschal mal unberücksichtigt lassen.

Von den verbleibenden 3,2 Mio Menschen waren letztes Jahr tatsächlich nur 19% wechselwillig, also in Summe 608.000 Personen. Von denen lesen 89% unsere Inserate regelmäßig, die Recruiter so gerne schalten (ausgenommen natürlich Zappos).
Recruiter mögen Inserate, um genau zu sein Online-Inserate. Rund 60% der 385.000 Inserate wurden letztes online gestellt, in etwa 154.000 fanden sie den Weg in die Printmedien. Gelesen wurden diese demnach von mindestens 541.120 Menschen.

Unter denen verstecken sich auch die 287.200 als arbeitslos gemeldeten Personen, 212.700 davon länger als 3 Monate. Auch nicht gerade die Kernzielgruppe des Recruiters, also ziehen wir sie hier mal ungerechterweise ab: bleiben 328.420 recruitergerechte Kandidaten.

Wo ist er, der Märchenprinz in Vollzeit?

Nur zur Erinnerung, wir reden hier über Gesamt-Österreich. Stellen werden meist lokal besetzt. Wenn wir also von Wien ausgehen, wo rund 20% der Erwerbstätigen zu Hause sind, bleiben letztlich 65.684 recruitergerechte, arbeitswillige und inseratenlesende Menschen im Großraum Wien.
Puh, also langsam wird es eng, um unseren Märchenprinzen in Vollzeit zu finden. Denn hier dürfen wir nicht die aktuelle Teilzeitquote von fast 27% vergessen. Bleiben im Umkehrschluss noch 73%, das sind exakt 47.949 Menschen im gesamten Jahr 2013, die das Zeug zum in Wien vollzeitarbeitenden Märchenprinzen haben. Noch nicht ganz: Gehen wir davon aus, dass unser Märchenprinz mindestens Matura für die Stelle mitbringen muss (das sind rund 30% aller Erwerbstätigen in Österreich), so bleiben nur noch 14.385 Personen über. Fragt sich nur noch, wieviele Personen sich dann wirklich auf das Inserat bewerben? (Hier konnte ich keine statistischen Zahlen finden, Hinweise sind herzlich willkommen!)

Zurück zu den Stellenangeboten: 22,6% aller 2013 ausgeschriebenen Stellen setzte eine solche Qualifikation voraus, d.s. 58.760 Stellen. Rund 16% dieser Stellen wurden in Wien ausgeschrieben, d.s. 11.165 Stellen.

So, da haben wir den Salat, ah, den Fachkräftemangel: auf 11.165 Stellen kommen 14.385 potenzielle Bewerber. Das heißt auf jede Stelle kommen 1,3 Bewerber – da dürfen wir Recruiter nicht mehr besonders wählerisch sein.

Milchmädchen, bitte nicht rechnen!

Jetzt mal aufwachen. Wenn das alles wirklich so wäre, würde mich interessieren, wie letztes Jahr rund 30% aller offenen Stellen binnen eines Monats besetzt werden konnten, weitere 24% binnen drei Monate. Es gibt sie also doch noch, die Fachkräfte. Sicher nicht in allen Bereichen, aber von einem großen pauschalen Fachkräftemangel zu sprechen, ist wahrlich zu einfach. Was sagen Sie Ihrem Vertrieb, der über einen akuten Kundenmangel lamentiert? Genau, tu was! In Wirklichkeit ist es doch einerlei, ob es den Fachkräftemangel wirklich gibt. Selbst wenn, können wir uns nicht zurücklehen, sondern müssen brauchbare Lösungen finden.

Ja, vielleicht gibt es nicht genug Märchenprinzen, blauäugig und blond, gut gebaut und für jedes Angebot empfänglich. Da müssen wir schon ein bisschen suchen. Wirklich suchen meine ich, also rumfragen, netzwerken und Zielgruppen ansprechen. Und wir müssen uns mit mehr mit Menschen als mit Lebensläufen auseinandersetzen. Manche entpuppen sich erst auf den zweiten Blick als Prinz, einige wollen sogar erst wachgeküsst werden. Dazu braucht es gute Recruiter, die die Realität am Arbeitsmarkt kennen und mit den (wahren, nicht den vorgegebenen!) Anforderungen gut zusammenbringen können. Und darüber hinaus die (potenziellen) Prinzen und Prinzessinnen sicher erkennen.

In vielen Fällen ist der vielbeschworene Fachkräftemangel eigentlich ein Bewegungsmangel – von Recruitern und Führungskräften. Mit der Eindimensionalität von altbackenen, textüberladenen, nichtsagenden und lieblosen Inseraten, mit denen wir starren Anforderungsprofilen hinterherjagen, werden wir immer schwerer zu Rande kommen. Der lebenslaufschlichtende Recruiter ist unter den Umständen vom Aussterben bedroht. Erfolgreiche Recruiter schaffen sich geeignete Optionen am Arbeitsmarkt und ergreifen Chancen, wenn sie da sind. Es geht immer weniger darum, Stellen gut zu besetzen, sonder vielmehr darum, passende Talente für uns zu gewinnen. Dazu müssen Unternehmen in vielerlei Hinsicht flexibler werden.

Der Ausweg ist also nicht das Behübschen von Inseraten, sondern das Ändern über lange Zeit gewohnter Lebensumstände im Unternehmen. Und das ist – wie viele aus dem eigenen Leben wissen – wohl die schwierigste Therapie.

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