Im letzten Aufbäumen tayloristischer Prinzipien erlebt eLearning einen neuen Aufschwung im Fahrwasser der Digitalisierung. Doch Lernen geht besser!

Der Digitalisierung sei dank! Mitarbeiter nutzen digitale Systeme mittlerweile sogar in der Freizeit: Smartphones, Tablets, Social Media.

Hurra, die Zeit für eLearning ist also endlich gekommen: unsere Lerninhalte über digitale Systeme – ohne weitere Schulung – einfach „raus“-schieben. Niemanden mehr zum Training „rein“-holen!

Einfach. Genial.

Keine Reisekosten, keine Dienstplanprobleme und dank Learning-Management-Systeme (LMS) alles im Blick und mit Learning Analytics alles unter Kontrolle. Schnell implementiert – zu überschaubaren Kosten. Mit an Bord: ausgefeilte Wissenschecks. Perfekt, so können wir absolut sicher sein, dass wirklich gelernt wurde und das nötige Wissen vorhanden ist.

Die Zeit der eLearning-Anbieter scheint nun endlich gekommen zu sein:

Wir erleben die Renaissance des eLearnings

Seminare, Kurse, Lerninhalte – zentral verteilbar, kontrolliert ausrollbar, sogar just-in-time.

Die Idee ist so klar wie einfach: Wer etwas lernt, der weiß was. Wer was weiß, der kann es auch. Und wer es kann, der tut es auch.

Ergo: Bringen wir unsere Mitarbeiter ins Lernen, dann wissen sie es, dann können sie es. Und mit Hilfe unterstützender Anreizsysteme tun sie es dann auch. Und fertig ist die Geschichte.

Da frage ich mich, wer denn auf so simplifizierte Ideen kommt? Wart Ihr denn nie selbst in der Schule? Habt ihr nie gepaukt, um die Anreizsysteme (vulgo Noten) gerade noch zu erfüllen? Habt Ihr das alles schon vergessen?

Es erinnert mich an die Renaissance des 15. und 16. Jahrhunderts – die Zeit, in der antike Leistungen und Errungenschaften wieder en-vogue wurden. Es war die Zeit des Umbruchs vom Mittelalter zur Neuzeit.

Und heute wir sind wieder in einem Umbruch.

Wenn die Idee so gut ist, warum hat sie sich in den letzen 20 Jahren nicht durchgesetzt?

Ganze Management-Riegen glauben den vollmundigen Verheißungen und folgen den einleuchtenden Versprechungen gerne. Auch Personaler scheinen an den (neuen) Angeboten gefallen zu finden: eLearning brummt.
Naja, man kann´s ja verstehen: manchmal sind die eigenen Schulerfahrungen ja schon eine Zeit lang her – genauso wie die letzten (Management-)Trainings, die sie selbst besucht haben.

Möglich, dass der Wind aus einem ganz anderen Eck weht, nämlich der Digitalisierung. Ja, da müssen wir endlich was tun!

Fangen wir also beim Lernen an: dann wären zumindest die Schulungen schon mal digitalisiert.

Budget? Ja, bitte, gerne. [So. Das verschafft uns zumindest mal Luft an den anderen (analogen) Stellen des Unternehmens.]

Die Ideen und Versprechen sind bei Weitem nicht neu – und haben bereits Ende des letzten Jahrtausends eine ganze eLearning-Industrie beflügelt.

So sollen nach Berechnungen der Gartner Group 2005 etwa 75 Prozent aller Lerninhalte elektronisch vermittelt werden.

— Kurier, 18.5.2000

Unter dem Deckmantel der Digitalisierung bekommen die Ideen aber neuen Auftrieb. Und fallen in (von der Digitalisierung überforderten) Unternehmen auf fruchtbaren Boden. Das Umfeld spricht ja auch dafür: Kostendruck, Innovationsdruck – zu lernen gibt es in Zeiten wie diesen wirklich genug!

Hier macht sich wohl Lernresistenz bei Entscheidern breit: die Techniken und Angebote gibt es seit mehr als 20 Jahren. Sie wurden zwar laufend technisch weiterentwickelt. Doch pädagogisch folgen sie noch immer Konzepten aus dem letzten Jahrtausend. In der breiten Unternehmenspraxis haben sich die klassischen eLearning-System selbst nach Jahrzehnten noch nicht flächendeckend durchgesetzt. Warum wohl?

Allen Erfahrungen zum Trotz: Während die einen ihre LMS aus den 1990er Jahren schon längst wieder abgebaut haben und auf Communities und interne Kommunikationsnetzwerke setzen,  führen andere gerade neue LMS voller Begeisterung ein.

Doch was IT-Systeme gilt, gilt leider nicht für soziale Agenden: Die einfachen, linearen Lösungen sind nicht immer die Besten.

Lernen ist NICHT planbar und NICHT steuerbar!

Anytime, anywhere – das ist das zusätzliche Verkaufsargument für die digitalen Lernformate.

Reden wir Deutsch: Erstens gibt es keinen Ort namens anywhere. Und selbst, wenn – wann und wie kommen unsere Mitarbeiter denn dort hin?
Zweitens bedeutet anytime irgendwann. Ja, irgendwann. Irgendwann, wenn ich mal Zeit habe. Wir alle wissen, was mit den „irgendwann“-Themen im Alltag passiert. Der Alltag kann die netten Versprechungen nicht halten.

Was aber noch viel schwerer wiegt: In der ganzen eLearning-Eurphorie haben wir noch immer nicht gelernt, dass Lernen ein natürlicher Prozess ist, der von Emotion getragen wird und (schon gar nicht von außen) steuerbar ist.

Sehen wir es endlich ein: selbst die Digitalisierung beschert uns keinen Nürnberger Trichter. Da hilft auch die ausgefuchsteste (brandneue) Methode nicht.

Quelle: educationrickshaw, https://educationrickshaw.com/2017/12/02/after-100-years-of-the-same-teaching-model-its-time-to-throw-out-the-playbook/

Lernen ist nicht der Beginn, Lernen ist ein Abfallprodukt.

Wenn Menschen ihre Arbeit tun, wenn sie nach Lösungen suchen und Probleme bewältigen. Dann lernen sie. Ganz automatisch. Immer. Menschen können (allein biologisch) nicht anders.

Ergo: Wir müssen niemanden unsere Lerninhalte reindrücken, weil wir glauben, dass diese für sie relevant sind. Weder in Präsenztrainings noch in eLearnings. Also hört auf mit der (digitalen) Druckbetankung.

Lassen wir Menschen ihre Aufgabe machen und Schwierigkeiten selbst meistern, und stellen Ihnen hilfreiche Ressourcen zur Verfügung, dann werden sie sich die relevanten Inhalte selbst reinziehen. „Resources not courses!“ – Sie entscheiden sich selbst dafür, weil sie glauben, dass diese für sie relevant sind.

Mit der Begeisterung, etwas zu erreichen, Probleme zu lösen, passiert Lernen ganz nebenbei. Das Produkt ist die Lösung, das Lernen fällt nebenbei ab. Real-Time. Schneller geht´s nicht! Performance Support statt eLearning, wie es Thomas Jenewein formuliert.

(Merken Sie gerade, wie out-dated LMS-Plattformen mit standardisiertem Content und angeschlossenen Prüfungsmodulen sind?)

Der Stoff, aus dem das Lernen ist:  Kommunikation und Begeisterung

Alles, was wir fürs Lernen brauchen: Kommunikation.

Nicht mehr, aber auch nicht weniger. (Selbst-)Reflexion hilft, ist aber nicht unbedingt nötig.

Conversations are the stem cells of learning.

— Jay Cross

Aus der Kommunikation mit anderen kann ein zusätzlicher Treibstoff fürs Lernen wachsen: Begeisterung!

Leben in der Gruppe macht also schlau! Vergessen wir das nicht. Also, liebe eLearning-Fans, das Gegenteil von analog ist nicht digital, sondern Dialog!

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Es ist unbestritten – digitale Inhalte sind hilfreich fürs Lernen! Die Zukunft des Lernens ist ohne digitale Medien nicht vorstellbar. Doch verstecken wir sie bitte nicht in anachronistische LMS!

Letztlich ist es egal, ob eLearning, BlendedLearning, SuperLearning oder wie wir das auch immer bezeichnen möchten – es geht doch in Wirklichkeit nicht ums Lernen, sondern ums Probleme lösen.

  • Machen wir (digitale) Inhalte leicht verfügbar, leicht auffindbar, leicht nutzbar – idealerweise just-in-time, wenn es gerade eine Lösung braucht.
  • Statt Content zu verwalten, kuratieren wir ihn und entwickeln wenn nötig neue Inhalte – egal ob online oder offline.
  • Schaffen wir Kommunikationsräume – online wie offline.
  • Ermuntern wir, vernetzen wir und pflegen wir Communities – online wie offline.
  • Schaffen wir und pflegen wir die Verbindungen zwischen Menschen – online wie offline, denn sie sind der Stoff auf dem Lernen ist: Kommunikation und Begeisterung.

Wenn Menschen sich selbst mit den Inhalten beschäftigen wollen (weil sie diese für hilfreich halten) – und dies auch dürfen, dann machen sie auch.
Und damit machen Sie auch das, was sie eigentlich tun müssen, nämlich gute Lösungen für den Kunden, die Kollegen oder das Unternehmen finden. Ganz von selbst, und noch dazu gerne.

Wo aus Müssen das Wollen wird, ergibt sich auch das Können.

— Dr. Tilly Boesche-Zacharowski

Danke, edle Renaissance – es war schön mit Dir!

Es ist Höchst an der Zeit, dass wir in der Neuzeit ankommen.

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