Ich war ja nicht dabei bei der Formulierung des österreichischen HR Manifests. Was man sich dabei wohl gedacht hat? Naja, ich denke mir halt meinen Teil.

Auf der diesjährigen HR-Konferenz „Power of People PoP“, die wohl größte und prominenteste in Österreich, formulierten die 180 teilnehmenden „HR-Leader“ Ende April ein HR Manifest. In mehreren Diskussionsrunden und einem (Online!-)Voting entstanden 12 zentrale HR-Forderungen an die Politik, die gleich vor Ort Sozialminister Rudolf Hundstorfer übergeben wurden.

Was der wohl damit machen wird? Aber das ist nicht der einzige Gedanke, den ich dazu habe. Aber alles der Reihe nach. Die 12 Punkte wurden gleichmäßig auf drei Überschriften verteilt: „Bildung in der Zukunft“, „Arbeitsrecht“ sowie „Unternehmen in Wandel“.

Bildung der Zukunft: verpflichtende Potenzialanalysen und Lust am Lernen!

Mit einem „Wir fordern …“ starten die ersten vier Punkte ganz selbstbewusst, ganz wie man das von modernen Personalisten auch erwarten kann.
Inhaltlich kann man darüber sicher diskutieren: Da werden für die Schulen verpflichtende Berufsorientierung-Aktivitäten inkl. verpflichtender Potenzialanalyse, eine bessere Pädagogen-Ausbildung zur Stärkung der Lehrer-Rolle sowie die Ausrichtung der Unis auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes gefordert. Ah ja, und natürlich eine Bildungsarbeit, die die Lust aufs Lernen fördert und sich an aktuellen Erkenntnissen der Wissenschaft, darunter natürlich der Neurobiologie, orientiert.

Hand aus Herz, liebe „fordernde“ Personalisten: wie ist das mit der Lust aufs Lernen in den Unternehmen? Und welche Trainingsaktivitäten in den Betrieben orientieren sich schon an den neuesten Erkenntnissen der Psychologie und Hirnforschung? Wer böse ist, könnte auch noch fragen: Sind diese Erkenntnisse diesen HR-Leadern überhaupt bekannt? Egal.
Jedenfalls hätte unser Herr Bundesminister sicher ein leichteres Spiel, wenn es Best-Practice Beispiele aus den Organisationen gäbe, an denen er sich bei der Umsetzung bereits Anleihen nehmen könnte.

Mit ihrem „Wir fordern!“ zeigen sich diese Personalisten mutig. Vor allem aber deshalb, weil sie von anderen (wahrscheinlich sogar sinnvolle) Dinge fordern, die sie selbst noch nicht hinbekommen haben.
Sie fordern diese dennoch von der Politik für die Umsetzung in Österreich? Und was, wenn nicht, liebe HR Leader?

Arbeitsrecht: Mehr Gestaltungsspielräume in den Unternehmen!

Deutlich weniger klar und verbindlich sind die nächsten vier Punkte, die dem Arbeitsrechts gewidmet sind. Keine Spur mehr von Forderungen, nur noch „Wir benötigen“ und „Wir wollen“. Zum Beispiel die Entrümpelung des Arbeits- und Sozialversicherungsrechts oder die Vereinfachung des Arbeitszeitrechts und die Ermöglichung flexibler Arbeitsmodelle. Alles sinnvolle Aspekte, die tatsächlich dringend nötig sind.

Doch was sind die konkreten Forderungen hinter diesen allgemeinen Wünschen? Und wer sollte womit anfangen? Die einzigen (halbwegs konkreten) Forderungen sind der 12-Stunden-Arbeitstag und eine betrieblich lebbare Elternteilzeit durch Verkürzung des Bestandschutzes und einer neuen Bandbreitenvorgabe. Interessanterweise steht dieser Aspekt unter dem Titel: „Work-Family-Balance verbessern“. Da wurde ein Begriff wohl großzügig umgedeutet. Naja, wenn man sich´s verbessern kann…

Unternehmen im Wandel: Individuen besser führen und länger halten!

Spätestens hier hat das Manifest sämtliche Verbindlichkeiten verloren. Man könnte meinen, nach dem fulminanten „Forderungs-Start“ ist der HR Community an den letzten Punkten bereits die Luft ausgegangen. Die Kurzfassung: Das Individuum „muss“ gestärkt werden, Kommunikation „ist der Schlüssel“ für den Erfolg und Talente sollen gefördert werden, damit sie lange bleiben. Und wir brauchen eine Fehler- und Experimentierkultur. Ein Manifest ist  ja eine öffentliche Erklärung von Zielen und Absichten, also kann man diese Punkte durchaus mal durchgehen lassen.
Eine Frage aber bleibt: Was hat die 180 Personalisten daran gehindert, das alles bereits in ihren Betrieben anzugehen oder umzusetzen? Und was genau, liebe HR-Leader, soll der Sozialminister dazu beitragen?

Das HR-Manifest: Gute Ansätze, dennoch unter den Anforderungen!

Schön, wenn sich so viele Personalisten mit den Anforderungen der Zukunft beschäftigen. Und auch schön, dass sie gemeinsam aktiv werden und Rahmenbedingungen einfordern, um „die Wettbewerbsfähigkeit Österreichs zu erhöhen“.

Schade, dass die Chance eines solchen Manifestes offensichtlich nicht genützt werden konnten. Es fehlen konkrete, nachvollziehbare Forderungen an eindeutige Adressaten. Zumindest ein Drittel der Punkte ist mehr eine Liste der Hausaufgaben für die Ersteller selbst, als ein Arbeitsauftrag an den Sozialminister.
Entschuldigend könnte man sagen, dass für eine konkretere Ausarbeitung einfach die Zeit fehlte, wenn das Ergebnis nicht als eines verkauft worden wäre, das aufgrund „intensiver Auseinandersetzung österreichischer Personalverantwortlichen“ zustande gekommen ist.

Neue Herausforderung bewältigt man nicht mit alten Konzepten!

So ist das Manifest eine (wohl ungewollte) Selbstoffenbarung über den Stand der Personalarbeit in Österreich. Hinter vielen Punkten stehen Konzepte der Vergangenheit, die man sicher wieder zurückwünscht und mit echten, neuen Wegen für und in die Zukunft verwechselt werden.

  • Verpflichtende Berufsorientierung ist gut – aber viele Jobs und Aufgaben in der Zukunft kennen wir heute noch gar nicht, da hilft auch keine Berufsorientierung heute in der Schule. Und wer sagt, dass wir in unserem Berufsleben nur einen (in der Schule mittels verpflichtender Potenzialanalyse ermittelten) Job machen. Die Karrierewege werden bunter, nur HR anscheinend nicht!
  • Mit der Stärkung der Rolle des Lehrers werden wir in einer VUCA-Welt auch nicht immer am Puls der Zeit bleiben können. Dazu müssen wir komplett neue Lehr-/und Lernformate schaffen, die die Hierarchie-Beziehung der alten Lehrer-/Schüler-Rollen ablösen. Die „Hierarchiebefreiuung“ des Lernens wäre eine mutige Forderung gewesen. Damit stellt sich die geforderte Lust am Lernen wohl am Ehesten ein.
  • Talente erkennen und fördern, damit sie langfristig bleiben. Hat hier schon einmal jemand darüber nachgedacht, ob das immer so erstrebenswert ist? Das Berufsmodell „von der Lehre bis zur Pension“ hat längst ausgedient, auch wenn es für Personalisten bequem und vordergründig kostengünstiger ist. Da suchen Recruiter neue Mitarbeiter mit möglichst vielfältiger Erfahrung, aber dann sollen die Menschen von der Vielfalt abkehren und möglichst lange bleiben. Ob das die beste Antwort auf eine volatile Welt ist?

Ja, da bin ich ganz dabei: Der Mensch „muss in seiner Individualität wieder in den Mittelpunkt rücken“. Nur wie geht das in vorgefertigten Strukturen und standardisierten Prozessen in Unternehmen, die wir auch nicht einfach abschaffen können und sollen? Hat da schon jemand eine Antwort?
Leider passt diese neunte Forderung des Manifests so gar nicht zu den anderen 11 Punkten: Dann nämlich würden wir

  • das Potenzial von Menschen nicht einfach mittels (meist fragwürdiger) Potenzialanalysen an die Schulen delegieren (Forderung 1),
  • die Unis nicht dem Diktat des (momentanen!) Arbeitsmarktes unterwerfen (Forderung 4).
  • Und wir würden uns Gedanken machen, wie wir Menschen in bestimmten Lebensphasen gut produktiv halten können, statt z.B. Elternteilzeit betrieblich besser lebbar machen (Forderung 7).
  • Und zu guter Letzt würden wir nicht Talente (als gesamte Menschen) suchen, sondern besondere Talente von Individuen erkennen und diese produktiv einsetzen: Nicht nur, um sie lange zu binden (Forderung 12) sondern zum Gewinn des Menschen und des Unternehmens.

So, nun ist er wohl alleine, unser Herr Bundesminister, mit den 12 Forderungen. Und er hat auch versprochen, nächstes Jahr wieder dabei zu sein auf der PoP2016, um über den Stand der Umsetzung zu berichten. Da bin ich ja mal gespannt. Das wird selbst für einen erfahrenen Politiker rhetorisch sehr herausfordernd.

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