3.7
(3)

Insgesamt drehen sich die Dinge im Recruiting nur langsam.

Professional Fit, also die fachliche und inhaltliche Passung von Kandidatinnen, steht noch immer ganz oben bei Recruiterinnen – zumindest wenn den Stellenausschreibungen folgt. Personal Fit und Cultural Fit sind zwar mittlerweile gängige Begriffe, bleiben in die Praxis aber meist nur Schlagworte und kommen selten in die Umsetzung.

Umso überraschter entdecke ich, dass nun die Finanzmarktaufsicht in Österreich zum Vorreiter geworden ist und einen Cultural Fit Check auf der Karriere-Seite anbietet.

Kulturpassung? Match me, if you can!

Die Frage nach der kulturellen Passung – dem vielzitierten „Cultural Fit“ – taucht in bunten Schriften immer wieder auf. Speziell im Kontext von Fachkräftemangel, War for Talent und zuletzt Corona-Krise weist man auf die Bedeutung bei erfolgreichen Besetzungen hin: Nicht jede fachliche Kandidatin passt auch auf jeden Job. Die “Verträglichkeit” zur bestehenden Unternehmenskultur ist ein wesentliches Erfolgskriterium im Job. Da sind sich alle einig, inkl. der einschlägigen Forschung.

Doch wie messen? Unternehmenskultur ist ja kaum greifbar. Deshalb ist die Frage, wann es denn „passt“ keineswegs trivial. Kultur ist bleibt unbewusst und damit schwer greif- und beschreibbar. Eine konkrete Messung einer Kultur kaum möglich.

Blumige Formulierungen („wir sind leistungsorientiert“, „bei uns zählt der Mensch“ usw.) sind so beliebig, dass sich alles und jeder da irgendwie reinprojizieren kann. Doch je beliebiger und austauschbarer es wird, desto weniger Orientierung und damit Begeisterung für die Jobangebote.

Der Kulturmatcher als Angebot für Interessentinnen

Es gibt sie ja schon länger – die einfachen Tools zur Einschätzung der persönlichen Passung.

Die Idee dahinter: wenn es gelingt, die vorhandene oder die Wunschkultur möglichst konkret festzumachen – und zwar auf Unternehmens- UND Bewerberseite! – dann wird es viel einfacher für beide Seiten zu beurteilen, ob man zueinander passt. Vor ein paar Jahren habe ich in einer kleinen Vergleichsuntersuchung darum einmal verschiedener dieser Tools analysiert und beschrieben. Eines der Tools, die ich mir dabei genauer angesehen habe, war der Kulturmatcher von CYQUEST.

Genau dieser Kulturmatcher ist auch gerade brandneu im Einsatz auf der Karriere-Website der Finanzmarktaufsicht FMA. Ein sehr schönes Beispiel aus Österreich und meines Wissen das erste österreichische Unternehmen mit einem solchen Angebot. (Falls nicht, bitte unbedingt melden!)

Mit dem Kulturmatcher gibt die FMA ihren potenziellen Bewerberinnen die Möglichkeit, die eigenen unternehmenskulturellen Wunschvorstellungen mit der bei der FMA vorhandenen Unternehmenskultur abzugleichen.

Und so funktioniert der Kulturmatcher zum Cultural Fit Check

Leider ist der Zugang auf der Seite etwas versteckt und findet sich im Punkt “Bewerbungsprozess”. Vielleicht wäre der Zugang auch bei den Werten der FMA (Die FMA als Arbeitgeber) hilfreich und für Interessenten leichter zugänglich.

Klickt man auf den Link öffnet sich der Kulturmatcher in einer optisch auf die FMA angepassten Variante und man erhält eine kurze Begrüßung bzw. „Begründung“, was das Tool eigentlich soll und wofür es dient.

Und dann geht es auch schon los: Zu verschiedenen Aspekten bekommt man immer zwei Mini-Situationen, bestehend aus einem sehr kurzen Text und einer dazugehörigen Illustration, gegenüber gestellt. Man entscheidet für sich, wie sehr man sich auf der einen oder anderen Seite sieht. Mit dem Schieberegler geht das einfach und rasch.

Man schätzt auf diese Weise 49 Aspekte des Arbeitsumfelds ein. Das geht aber recht flott und ist kurzweilig. Zu jedem Punkt heißt es dann, „Farbe bekennen“. Bei den beiden gegenübergestellten Situationen ist nicht die eine offenkundig „gut“ und die andere „schlecht“, sondern die jeweilige Präferenz liegt einfach im Auge des Betrachters. Dieses „Forced Choice“-Format passt insofern gut auf eine Kultur-Einschätzung, da sich manchmal Dinge einfach gegenseitig ausschließen: Man kann nicht gleichzeitig eine sehr hierarchische und autonomiebetonende Kultur haben bzw. sich wünschen. Damit wird auch vermieden, dass man damit ein “Everybodies Darling Ergebnis” erhält.

Is it a match? Gerne, kommt sofort!

Der Kulturmatcher liefert gleich nach der letzten Frage das ermittelte Ergebnis.

Meine Wunsch-Unternehmenskultur wird auf neun Kulturdimensionen angezeigt. Diese Dimensionen sind biploar, d.h. ich bekomme meine individuelle Ausprägung zu jeder Dimension, also z.B. „Autonomie versus Hierarchie“ oder „Ich-Orientierung versus Wir-Orientierung“. Ganz am Ende zeigt sich dann mein ganz persönlicher Match: Wie sehr würde ich in die Kultur der FMA denn wirklich passen?

In meinem Fall zu 76%, das motiviert zu einer Bewerbung!

Behind the Scenes – so kam die Kultur ins Tool.

Vielleicht stellen Sie sich die Frage, wie denn die FMA-Kultur in dieses Tool gekommen ist? Das habe ich kurzerhand Jo Diercks, CYQUEST Geschäftsführer und einer der Köpfe hinter dem Kulturmatcher, gefragt.

Das hier hinterlegte Kulturprofil ist in einem gemeinsamen Workshop mit der FMA definiert worden. Jeder der 49 Aspekte wurde unter mehreren Mitarbeitern im Detail diskutiert und festgelegt, wo jemand jeweils den Schieberegler hinschieben würde, der „sehr gut“ zur FMA-Kultur passt. Die so ermittelte „Expertenmeinung“ wurde dann noch einmal quergecheckt und an der einen oder anderen Stelle modifiziert. Zum Beispiel wurden bei manchen Dimensionen Soll-Bereiche statt Soll-Punkte zugelassen. Dann war es schon soweit: das Matching-Target stand fest.

Kulturmessung to go?

Klar, man kann immer darüber streiten, ob das Ergebnis nun exakt passt oder nicht. Das liegt bei einem so weichen Thema wie Kultur einfach in der Natur der Sache.

Dennoch: Mit einem solchen Angebot wird eine mögliche Passung allemal konkreter als wenn ich mir nur wohlfeile Worte in einer Broschüre oder auf einer Website durchlese und mir daraus einen Reim auf die kulturelle Passung machen muss.

Ich hab´s probiert – und ich würde dem Ergebnis zu Folge ganz gut in die FMA passen. Das motiviert, jedenfalls zu einer möglichen Bewerbung.

Wie interessant war dieser Beitrag?

Durchschnittliche Einschätzung 3.7 / 5. Anzahl der Feedbacks: 3

Bisher noch kein kein Feedback! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Es tut mir leid, dass dieser Beitrag für Sie nicht hilfreich war!

Lasse uns diesen Beitrag verbessern!

Wie können wir diesen Beitrag verbessern?

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here