Die Richtung ist grundsätzlich klar, aber die Zügel los zu lassen fällt noch schwer.  Ein subjektiver Rückblick  10. CorporateLearningCamp in Koblenz.

Wenn sich 300 Menschen selbstorganisiert über Lernen und Entwickeln austauschen, vernetzen und gemeinsam lernen, dann ist wieder CorporateLearningCamp.

Es ist ja mittlerweile DAS Lern-Event für Lernmacher und Lernbegleiter. Und es zeigt, wie Lernen funktionierten kann: freiwillig, selbstgesteuert, motivierend.

Das #clc19ko ist Experimentierlabor und hochwertiger Austausch – und bietet weit mehr Lernchancen als ein Einzelner kurzfristig verdauen kann.
Man kennt sich, freut sich auf ein Wiedersehen und begrüßt auch neue Gesichter offen und vertrauensvoll.
Das diesjährige Motto wurde in der Community von Lernexperten ganz offen gelebt: Lernen braucht Netzwerke.

#clc19ko Lernen braucht Netzwerke

Und Netzwerke gab es viele: persönliche wie auch virtuelle. So wurden z.B. gleich zwei Sessions online angeboten, d.h. es waren auch Teilgeber eingebunden, die gar nicht vor Ort sein konnten.

Für die Vernetzung der Anwesenden vor Ort sorgte erstmals eine eigens eingerichtete Telegram-Gruppe, in der sich rund die Hälfte der Teilgeber einloggten und schon vor und auch nach dem Camp reger Austausch stattfand.
Mit einer Nebenwirkung: nämlich dass Kommunikation mittels Text, Fotos und teils sogar Videos intensiv über die Telegram Gruppe erfolgte.
Twitter hingegen blieb damit erstaunlich wenig genutzt: nur 1258 Tweets an beiden Tagen (wie uns Oliver Ewinger über die Telegram Gruppe verriet), ist sicher nicht rekordverdächtig.

Bekanntes und Neues: Collaborative Event-Dokumentation und #clc-Sticker

Ebenfalls neu: die Dokumentation erfolgte nicht wie in den letzten Jahren über verschiedene Etherpads, sondern ein gemeinsames Google-Doc, an dem alle gemeinsam arbeiteten. Darin findet sich der Session-Plan genauso wie die Dokumentation der Sessions. Eine echt tolle Idee, die bestens funktionierte.

Und weil wir schon bei den Neuigkeiten sind: Es gab auch #clc19ko-Sticker und #clc19ko-Armbänder sowie nach dem Camp einen virtuellen Badge für die Teilnahme. Eine nette und freudige Überraschung, mit der ich allerdings (noch?) wenig anzufangen weiß.

Gleichgeblieben ist das Format: die fast 100 Sessions an den beiden Tagen waren wieder rasch gefüllt – zwar nicht immer in passend konfektionierten Räumen.
Doch auch da wusste man sich zu helfen: wenn gar nichts (mehr) ging, fand man die eine oder andere Session auch am Gang…

Was ist heiß im Corporate Learning?

Welche Themen auf den Sessionplan kommen, sagt auch viel über die Lage der Corporate Learning-Nation.

Neben den Klassikern, z.B. Video@Home von Hans-Martin oder Karlheinz´ legendäre Session „Twitter als Lernbooster“, fand sich die komplette Bandbreite wieder:

  • Methoden (z.B. „Liberating Structures“),
  • Tools (z.B. „Learning Eco System Design“),
  • Kochrezepte (z.B. „Blended Learning richtig implementieren“), aber auch
  • tiefgehende Erörterungen (z.B. „was es wirklich braucht, damit Lernen gelingt“).

Eines der Hauptthemen über die beiden Tage:

Wie bringen wir Lernen in den Alltag?

Nicht nur in der Session „Ich wollte Lernen, doch dann kam der Alltag dazwischen“ wurde in den Diskussionen klar: Lernen ist ein Alltagsgeschehen und kein gesonderter abgegrenzter Prozess.
Aber: Das Lernen einfach aus den Trainings und eLearnings zu befreien und in den Alltag entlassen, gelingt noch kaum. Die größte Herausforderung: das Management selbst, denn das möchte schließlich wissen, was am Ende herausgekommen ist. Ein liberalisiertes Lernen ist schließlich schwer(er) messbar.

Besonders eindrucksvoll zeigte sich dieser Spagat in den Diskussionen rund um den Einsatz von Office365 als Lernort, das auffallend oft thematisiert wurde.
„Damit können wir die Inhalte nicht an die Lerner bringen“, so die eine Seite, „es gibt in MS Teams ja leider keine Zugriffszahlen“.
Die Entgegnung der anderen: „Aber damit wären wir genau dort, wo Arbeit ohnehin stattfindet. Die Akademie von Josh Bersin ist dazu ein erstes Beispiel.“
„Nein, wir brauchen weiterhin e-Learning – denn nur Wissen frei zur Verfügung zu stellen und darauf hoffen, dass Leute es lesen ist zu wenig. Wir brauchen Systeme, die automatisiert erkennen, wann es etwas zu lernen gilt und Content zur Verfügung stellen.“

Wo sich aber alle einig sind: Wir brauchen wieder „Bock auf´s Lernen“, und benötigen dafür Begeisterung und Energie. Mit all diesen Techniken übersehen wir aber leicht, dass dabei Essentielles fehlt, nämlich das „Warum„.
Wenn wir das Verhalten anderer verändern möchten, dann wollten wir jedenfalls das Warum klären – unser eigenes Warum ebenso wie auch das Warum der Lernenden.
Genau dort liegt die Energie, die wir so dringend brauchen und häufig vermissen.

Lernen braucht Relation(en)

Fürs Lernen selbst braucht es dann nicht mehr viel – außer Interesse, greifbare Möglichkeiten und eine motivierende Community.

Lernvielfalt braucht Rahmenvielfalt„, das ist die Zusammenfassung der Session, d.h. One-Size-Fits-All hat jedenfalls ausgedient.
Manchmal, so die Essenz der Diskussion, braucht es auch einen Impuls zur rechten Zeit, denn das, was Leute interessiert und lernen möchten, ist nicht immer das, was sie – aus Sicht der Organisation – brauchen.

Und immer öfter geht es ums Vergessen, darum Altes loszulassen – ein mitunter schmerzhafter Prozess. Nicht nur immer oben drauf packen, sondern auch mal ausmisten und klären. Schließlich können Menschen wie Organisationen ohne Vergessen nicht wachsen.

Free Learning! Illusion oder Wirklichkeit

All diese Einsichten auf einer „global-galaktischen“ Ebene (mein Lieblingsbegriff vom #clc19ko), bringt uns im Unternehmen nicht all zuviel, solange wir sie nicht in den Alltag bringen.

Dazu müssen wir allerdings das Lernmonopol in Form von Trainings und eLearnings wohl aufgeben: Raus aus dem klassischem Korsett, bei dem Arbeit stört. Rein in eine Arbeit, bei der Lernen eben nicht mehr stört.
Mit Effizienz und Kontrolle würgen wir diese Integrations-Bestrebungen bereits im Ansatz ab. Stattdessen brauchen wir Vertrauen und Effektivität, die sich schwer(er) in klassischen KPIs messen lassen.

Die Liberalisierung des Lernens geht zwar auf Kosten der Kontrolle und Effizienz. Wenn wir genau hinsehen, war diese Kontrollierbarkeit nur eine Illusion.

Was wir gewinnen, ist Relation, Energie und Vertrauen. Das bringt uns nicht nur in VUCA-Zeiten weiter, denn „Kein New Work ohne New Learning„, wie es Jan Foelsing formuliert. Dadurch dass z.B. klassische Rollen wie „Lehrende“ und „Lernende“ verschwimmen, entstehen soziale Energien.

Und diese konnte man (wieder einmal) am CorporateLearningCamp #clc19ko so eindrucksvoll erleben.

Bild: (c) Charlotte Venema

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