Was hat Personalarbeit mit den Eingeborenen in pazifischer Inselgruppen zu tun? Sehr viel. Leider!

Ich habe da einen Verdacht.

Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger gefällt er mir. Aber lassen Sie mich zuerst mit der Geschichte Melanesiens, einer pazifischen Inselgruppe nordöstlich von Australien, beginnen.

Es war die Zeit des zweiten Weltkrieges. Zig-tausende amerikanische Soldaten waren auf den Inseln Melanesiens stationiert. Flugzeuge brachten regelmäßig jede Menge Material und Ausrüstung.

Für die Eingeborenen Melanesiens war es kaum einzuordnen, welche ‚wunderbare‘ Dinge da in großen Mengen aus der Luft kamen. Für sie blieben immer wieder Teile dieser Lieferungen, den ‚Cargos‘. Dieser Segen aus der Luft war faszinierend und musste wohl mit Göttern oder Ahnen zu tun haben. Sie beobachteten alles ganz genau.

Doch dann blieben sie aus, die Flugzeuge mit neuem ‚Cargo‘. Die Soldaten zogen ab, der Krieg war zu Ende. Was blieb, war die Hoffnung auf neue Lieferungen durch neue Flugzeuge.

In ihrer Sehnsucht nach neuem ‚Cargo‘ bauten die Einheimischen all das nach, was sie die letzten Jahre immer gesehen hatten: Sie bauten Landebahnen mitten in den Dschungel. Hölzerne ‚Kontrolltürme‘ gleich daneben.
Sie entzündeten Feuer, die Signallichter der Flughäfen nachahmten. Sie achteten auf viele Details: Selbst Kopfhörer bauten sie aus Holz und setzen diese auf ihre Köpfe.

Cargo-Kult: Schaut gleich aus, bringt aber nichts!

Für Sie als Leser wird es kaum überraschend sein, dass all diese Versuche erfolglos blieben: keine Flugzeuge, kein neues Cargo.

Doch die Einheimischen glaubten weiter daran: sie machten ja alles richtig. Sie bauten alles genauso nach, wie es damals war. Sie schufen das gleiche Umfeld und imitierten alle Handlungen, die sie über die Jahre beobachtet hatten.

Der „Cargo-Kult“ bekam rasch religiösen Charakter, hielt sich über die folgenden Jahrzehnte und ist auch heute noch, über 70 Jahre danach, dort vereinzelt anzutreffen.

Cargo-Kult: Richtig. Sinnlos.

Der Physiker Richard Feynman war einer der ersten, der diese Geschichte Melanesiens für die Benennung eines verbreiteten Phänomens prägte: als Cargo-Kult bezeichnete er eine syntaktisch richtige, aber ansonsten sinnlose Arbeitsweise.

Gunter Dueck erinnert kürzlich in seinem Beitrag auf der re:publica|TEN an dieses Phänomen. Er beschrieb die vielen hilflosen Versuche in Unternehmen, Komplexität mit simplen Imitationen oder symbolischen Ersatzhandlungen zu begegnen.

Seine Rede dauert eine gute Stunde. Schauen oder hören Sie mal rein, wenn Sie Zeit und Lust haben:

Verdächtiges Personalmanagement?

Wie ich eingangs erwähnte, hege ich da einen schweren Verdacht.

Nämlich, dass es in den tradierten Instrumenten der Personalarbeit nur so wimmelt von Cargo-Kulten.

Employer Branding verbreitet sich wie eine Seuche in den Personalabteilungen und wird oft rasch in netten Schlagworten und schnellen Maßnahmen abgebildet. Braucht ein modernes HR hat. Schließlich machen es die anderen ja auch.

Es wird imitiert und abgeschrieben, was das Zeug hält. Zielgruppen bleiben undefiniert und unbekannt. Alles andere läuft weiter wie bisher.

Da werden quasi Landebahnen in den Dschungel gebaut ohne sich mit Flugzeugen wirklich beschäftigt zu haben.

Nicht besser im Recruiting: Bei der Kandidatenauswahl werden Instrumente eingesetzt, deren Hintergründe kaum bekannt sind. Testverfahren, Assessment Center oder anderes werden einfach mal gemacht:

Schaut quasi aus wie ein Hearing, ist aber in Wirklichkeit keines (im Sinne eines validen, reliablen Diagnoseinstruments).

Oder es findet fast ein Wettbewerb statt, wer im Interview die ausgefuchstesten Interview-Fragen formulieren kann. Über die „richtige“ Interpretation der Antworten und den Mehrwert für die Eignungseinschätzung machen sich nur wenig Gedanken.

Quasi Kopfhörer aus Holz: schauen gut aus, funktionieren aber nicht.

Oder schauen wir doch in manche Trainingsabteilungen: Da wird fleißig geschult und instruiert in alter Manier. Manchmal werden definierte Inhalte sogar in angesagte Formate versteckt, um mal „was Neues“ zu probieren.

Danach wird vielleicht wird sogar noch Wissen geprüft und mit Lernerfolg gleichgesetzt. Über Kompetenz machen sich nur wenige Gedanken. Dafür umso mehr über „Bildungscontrolling“.

Quasi Kontrolltürme, die noch so hoch und stabil sein können, aber letztlich doch nur wenig bringen.

Cargo-Kulte im Personalmanagement: es geht weiter!

Es gibt noch viele Bereiche, wo man leicht fündig werden könnte: Wissensmanagement wurde schon vor längerem als Cargo-Kult enttarnt, Talent Management scheint schon als Begriff etwas cargo-kultiges zu haben.

Mich beschleicht da noch einen weiterer Verdacht. Nämlich dass wir gerade die Entstehung eines neuen Cargo-Kultes beobachten können: die Digitalisierung im HR.

Da werden Prozesse ungefragt digitalisiert, (oben erwähnte) Trainings einfach in e-Learnings umgewandelt und starre Bewerbermanagement-Systeme mittels (kaum nachvollziehbaren) Algorithmen aufgepimpt. Fertig ist Digital HR.

Das erscheint mir so, als ob man die kleinen knisternden Lagerfeuer neben der Piste, die als Signallichter dienen, nun durch elektrische Blinkleuchten ersetzen würde: Macht vieles einfacher und spart wertvolle Ressourcen! Bringt aber (noch immer) keine neuen Flugzeuge.

Möglicherweise müssen wir uns am Ende noch fragen, ob denn nicht Personalmanagement an sich ein einziger Cargo-Kult ist.
Nun mal halblang, als ob mein bisheriger Verdacht nicht schon schlimm genug wäre…

Cargo-Kulte: Mehr Glauben statt Wissen

Cargo-Kulte werden leicht und rasch zu Religionen. Dann haben wir es mit Glauben zu tun. Ganz schweres Terrain.

Cargo-Kulte entstehen aus vereinfachten „Wenn-Dann-Denk-Schleifen“: Wenn wir das richtige Umfeld schaffen, stellt sich der gewünschte Erfolg ein. Wenn wir die Begleitumstände imitieren, dann bekommen wir auch die gleichen Ergebnisse. Meistens Trugschlüsse.

Zusätzlich genährt werden diese logischen Denkketten durch die Beobachtung anderer: „Die anderen machen es ja auch“. Selbst wenn ICH mich möglicherweise irre, aber so VIELE andere können doch nicht irren.

Und schon sitzen wir auch an der Landebahn neben den anderen und warten auf Flugzeuge, die niemals kommen werden.

Nein, so wird das nichts!

Personalarbeit „imitieren“ können viele, tun auch viele.

Wer gute Personalarbeit machen möchte, muss Hintergründe verstehen, Wirkungen entdecken und weit über den eigenen Horizont und manchmal über das eigene Unternehmen hinaus denken.

Die formale Nachahmung sowie eine zur Schau getragene Umtriebigkeit führen meist nur in die reale Wirkungslosigkeit. Selbst wenn diese innerhalb des eigenen Horizonts logisch und zielführend wirken.

Wenn wir weit über den eigenen Tellerrand (also unsere Insel) blicken und tiefer/weiter/größer denken, schaffen wir im Unternehmen wirkungsvolle Lösungen. Und sind gleichzeitig weniger anfällig für die vielen lange gepflegten Cargo-Kulte.

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