Wenn es um Diskriminierung geht, kommt oft reflexartig der Ruf nach anonymen Bewerbungen, wie sie im anglo-amerikanischen Raum bereits Standard sind. Helfen diese wirklich oder sind sie nur Alibi? Bewerbung erhalten, Verfasser unbekannt – ein Alptraum vieler Recruiter. Und gleichzeitig eine permanente Forderung derjenigen, die Diskriminierung im Recruiting verhindern möchten.

„Menschen mit Migrationshintergrund werden aufgrund ihrer Herkunft oder Religion diskriminiert. Sie scheitern im Bewerbungsprozess bereits im ersten Schritt – denn sie werden zu keinen Bewerbungsgesprächen eingeladen“, sagt Gerlinde Buchsbaum, Leiterin der Abteilung Service für Unternehmen im AMS Wien. Erhärtet werden Buchsbaums nüchtern gehaltene Worte von einer Studie aus Deutschland, die der Sachverständigenrat für Integration jüngst in Auftrag gegeben hat. Wissenschaftler haben 3.600 fiktive Bewerbungen ausgeschickt: die einen mit den Namen Ahmet und Hakan, die anderen lauten auf Lukas und Tim. Das Resümee des Studienleiters Jan Schneider: „Deutschland hat es mit einem ernsten Diskriminierungs-problem zu tun.“ Obwohl die vier fiktiven Bewerber die gleiche Qualifikation aufwiesen und Deutsch als Muttersprache angaben (Türkisch spricht keiner der vier Bewerber), wurden die Burschen mit den türkisch klingenden Namen öfter ignoriert und geduzt. Die Situation in Österreich ist nicht anderes. Die Johannes Keppler Universität in Linz ist in ihrer Studie zu einem ähnlichem Ergebnis gelangt. „Migranten“ hatten eine um 25 bis 30 Prozent geringere Chance, von Firmen zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.

Bessere Chancen durch anonyme Bewerbungen…

Sowohl die Studienautoren in Deutschland als auch Österreich schlagen daher die anonymisierte Bewerbung vor, um die Diskriminierung zumindest im ersten Bewerbungsschritt zu vermeiden.

Anonyme Bewerbungen stellen eine mögliche Maßnahme dar, um Diskriminierung von Minderheiten bei der Stellenbewerbung zu bekämpfen.

Dadurch könne man die Chancen für Migrantinnen, Frauen, Menschen mit Behinderung und ältere Menschen am Arbeitsmarkt zu erhöhen. Doch ist die Sache wirklich so einfach? Kritiker befürchten, dass sich Diskriminierung nur in spätere Phasen des Bewerbungsprozesses verschieben könnte. Das macht es für Bewerber nicht leichter und für Unternehmen  nur aufwändiger.

… oder doch nur Sackgasse?

Haben anonyme Bewerbungen tatsächlich das Potenzial, Diskriminierung hintanzuhalten? Spielen wir damit nur „Blinde Kuh“ oder können sich Recruiter auch ohne Name und Foto ein gutes Bild machen? Zahlreiche Pilotprojekte in Deutschland haben dazu geführt, dass einige Unternehmen die anonyme Bewerbung eingeführt haben. Die Erfahrungen damit sind sehr unterschiedlich. In Österreich ist die REWE International AG derzeit das einzige Unternehmen, das auch anonyme Bewerbungen entgegennimmt und damit weiterhin Erfahrungen sammelt.

Ein Thema für das kommende ÖAMTC Expertengespräch

Diskriminierung im Recruitingprozess ist nicht nur verboten, sondern kann Unternehmen mitunter teuer kommen. Vor allem dann, wenn passende Kandidaten aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechtes oder ihres Alters frühzeitig ausgeschlossen werden. Kann das durch eine anonyme Bewerbung verhindert werden?

Meine Kollegin Nasila Berangy-Dadgar,  zuständig für das Thema Migrationsmanagement im ÖAMTC, hat diese Frage aufgegriffen und zum Thema für das kommende ÖAMTC-Expertengespräch gemacht. Ich darf diese Veranstaltung moderieren und freue mich auf das Impulsreferat vom Sozialforscher August Gächter (Zentrum für Soziale Innovation, Sozialforscher) und die anschließende Diskussion mit

  • Christine LüdersLeiterin der Deutschen Antidiskriminierungsstelle des Bundes,
  • Karin Bayer, Obermagistratsrätin für den Geschäftsbereich Personal und Revision im Magistrat der Stadt Wien,
  • Gerlinde Buchsbaum, Leiterin des Service für Unternehmen im AMS Wien,
  • Ralph Sichler, Fachbereichsleitung Management-, Organisations- und Personalberatung an der FH Wiener  Neustadt sowie
  • Romana PacherRecruiterin bei REWE International.

Neugierig? Dann lade ich Sie gerne ein! ÖAMTC Expertengespräch „Anonyme Bewerbungen: Sackgasse oder bessere Chancen?“

30. Oktober 2014  in Wien Senden Sie mir eine kurze Nachricht, und Ihr Platz ist reserviert!

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