Warum Resilienz die Zukunft gehört, aber auch das richtig und falsch zugleich sein kann. Meine Rückschau auf das Gedankenfeuerwerk des ersten Ambuzzador Breakfast. #speakingdigitalfuture

Agilität ist alt geworden.

Ein ausgelutschter, vielfach (um)interpretierter Begriff ist in die Jahre gekommen. Agilität kann die Hoffnungen als organisationale Allzweckwaffe nicht einlösen. Stellt sich die Frage: What´s next?

Chaos!

Mit dieser Zukunftsthese eröffnete Sabine Hoffmann die Diskussion am ersten Ambuzzador Breakfast in Wien. Und erklärt anhand des Cynefin-Modells, dass wir aus einer komplizierten in eine komplexe Welt gelangt sind und vielleicht schon am Weg in die nächste Welt sind, die überhaupt nicht mehr „begreifbar“ ist. Chaos halt.

Cynefin Framework, adaptiert von A. Diaz-Maroto und ambuzzador Quelle: https://www.ambuzzador.com/blog/wie-können-sie-als-leader-abwehrkräfte-für-die-digitale-zukunft-entwickeln/

Der Gedanke ist einleuchtend: Über Jahrzehnte haben die Tugenden der klassischen Ingenieurskunst wie Planung und der Blick aufs Detail gute Dienste geleistet. Passend für komplizierte Welten.

Jetzt – unter komplexen, uneindeutigen Rahmenbedingungen – kommen wir nur noch iterativ mit Experimenten, also agil, weiter.

Doch die Dynamik nimmt weiter zu und bringt uns in den vierten Quadranten des Modells – in eine chaotische, vieldeutige Umwelt. Mögliche Antwort: Resilienz.

Viele Lösungen – und keine ist richtig oder falsch.

In der gemeinsamen Diskussion rund um den Frühstückstisch wurde rasch klar: es gibt schon heute keine (vorbereiteten) Lösungen, keine richtigen, keine falschen. Jedenfalls keine eindeutigen. Im Chaos wird das nicht besser.

Das ist eine (neue) Herausforderung für Menschen, meint Annika Wolf. Sie ist Professor of Corporate Finance, Project Finance and Entrepreneurship in Emden. In Ihrer Lehre fordert sie Studierende hartnäckig, dass echte Kreativität jenseits von richtig und falsch liegt. Und nur diese bringt uns in unsicheren Zukünften weiter.

Die Schwierigkeit: Menschen suchen nach Orientierung (z.B. indem sie sich Gedanken machen, was denn der Agilität folgen wird 😉) und setzen auf bislang gemachte Erfahrungen. Diese zählen gerade dann wenig, wenn wir nicht wissen, was kommt.

Wir wissen nicht, was kommt.

Claudia Winkler, Startup-Gründern mit langer Konzernerfahrung, vergleicht es mit einem Computerspiel:

„Wir glauben in diesem Level schon alles erlebt und gemeistert zu haben. Und sobald wir uns voller Elan ins nächste Level begeben, tauchen da plötzlich Drachen auf, die niemand vorher je gesehen hat.“

Mit anderen Worten: Vorhersagen sind unmöglich, und damit auch eine Vorbereitung auf die Zukunft.

Das meint auch Energieberaterin und Black-Out-Expertin Jennifer Djongow, die anschaulich erklärt, wie abhängig wir alle vom Strom sind. Sollten einmal die Netze zusammenbrechen, dann gleich europaweit.

Solch ein „Black Out“ ist durchaus möglich. Richtig vorbereiten können wir das kaum, lediglich selbst vorsorgen (z.B. mit ausreichend Konserven und Wasservorräten zu Hause) und sehen, wie wir in der Situation zurechtkommen.

Orientierung von innen statt von außen

Wenn der Crash da ist und draußen Chaos herrscht, können wir nur noch auf uns selbst vertrauen und aus der Situation handeln.

„Der Crash-Effekt ist nur mental aushebelbar“

so Jennifer.

Zukunftsoptimismus – wie es Claudia so schön bezeichnet – hilft. Vielleicht bemerken wir damit, dass wir den Drachen nicht unbedingt töten müssen, sondern besser „mit ihm kuscheln sollten“.

Was sie meint: Gute Lösungen entstehen in Gemeinschaft, in Interaktion und in Kooperation. Vielleicht können wir die Stärken des Drachen nutzen, um gemeinsam Gutes zu bewirken. Symbiose halt. Das ist eine ständige Lernreise, die viel Mut und ein gesundes Selbstvertrauen erfordert.

Erfolge oder Misserfolge sind also nicht mehr „gestalt- oder machbar“ und schon gar nicht „planbar“, sondern sie entstehen im Hier und Jetzt. Solange ich mir aber selbst klar bin, was ich wirklich, wirklich will, kann ich etwaige Misserfolge als einzelne Etappe zu meinen Ziel(en) werten und damit gut wegstecken.

„Krone aufheben, kleben und weitermachen“

In chaotischen Welten nicht ganz unwichtig. Resilienz halt.

Kurz: Mein persönlicher Nordstern, mein Purpose, (mein Innen) gibt mir die nötige Orientierung, die mir das Chaos (das Außen) nicht mehr bieten kann.

Tipp aus der Diskussion: Jeder sollte für sich Tools finden, um (immer wieder) zu sich (zurück) zu finden. Vielleicht ist das Yoga, Meditation oder auch ganz was anderes.

Resilienz: zwei zentrale Fragen und drei Kompetenzen

Für Annika sind es vor allem die beiden Fragen, mit denen wir die unbekannte Zukunft bewältigen können: Wie gehe ICH mit Schwierigkeiten um? Und wie erfahre ich, was den oder die ANDEREN gerade bewegt?

Im Chaos brauchen wir Antworten darauf. Und beschreiben dies heute gerne als Lösungskompetenz und Empathie.

Und Neugier, ergänzt Gerhard Kürner, selbst Gründer und CEO. Und meint damit die Gier auf neues Wissen, auf neue Erkenntnisse und auch auf neue Herausforderungen. Dafür braucht´s wiederum Empathie – gegenüber der Problemstellung, anderen gegenüber und letztlich sich selbst gegenüber.

Organisationsform der Zukunft?

Wie werden wir Zusammenarbeit in chaotischen Zeiten gestalten? Gibt es überhaupt eine optimale Organisationsform für diese Umwelt?

Diese Frage haben wir sicherheitshalber mal offen stehen gelassen. Denn Organisationen sind schon aus ihrem Zweck heraus Risikovermeider, wie Gerhard einbringt. Neugier, Empathie und Lösungskreativität liegen da weit außerhalb.

„Wir müssen Bestehendes laufend hinterfragen, situationselastisch (re)agieren – und das gemeinsam mit den Mitarbeitenden“

fasst Peter Pilz zusammen. Als Partner bei der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft BDO ist ihm klar, dass selbst sein bewährtes Businessmodell in Zukunft auf dem Prüfstand sieht.

Patentrezept für zukünftige Organisationsformen gibt es wahrscheinlich keines, sondern nur die „iterative Suche nach individuellen Lösungen“. Das „Denken in Ökosystemen“ (Sabine) statt in Organisation hilft, der pragmatische Umgang mit Ideen und Konzepten ist Voraussetzung.

„Wir sind holokratisch organisiert und gleichzeitig ein junges Startup – eigentlich ein Kopfschuss“, so Claudia, „Wir haben aber einen guten Weg gefunden, gerade weil immer viel auf dem Spiel steht“.

Ständiges Reflektieren, was passt und was nicht, und laufende Anpassung an die Situation ist oberstes Gebot.

Wer braucht da noch Führungskräfte?

In Zukunft wird sich Führung nicht mehr auf eine oder wenige Personen beschränken können. Führung wird situativ und kommt vielfach aus der Gruppe.

Damit ändern sich auch Kommunikationsstrukturen in bisher bekannten Organisationen. Diesen „vertikalen Dialog“ müssen wir zum Teil erst lernen.

(Wieder neu) Lernen müssen viele auch, Verantwortung für uns selbst und das eigene Umfeld zu übernehmen, gerade in Organisationen, und den gesteckten Rahmen aktiv zu nutzen.

Das ist ein Prozess, den Führungskräfte in der Transformation auch „aushalten werden müssen“, also nicht nur Fehler in Kauf zu nehmen, sondern diese auch zuzulassen bzw. auch nicht einzugreifen, wenn das Scheitern absehbar ist.

„Wir nehmen den Mitarbeitenden damit den eigenen Lerneffekt, wenn wir im Fall des Falles als Lenk- und Bremsassistent doch wieder eingreifen“

so Gerhard. In solchen Situationen „ehrlich entspannt zu bleiben und nicht nur so zu tun als ob“, war auch für Sabine ein Lernweg.

Als Grundfrage hinter all dem steht: Wie und mit welcher Überzeugung treffe ich in der Führung Entscheidungen? Wenn ich schon mit Plan B in der Hinterhand Plan A umsetze, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich Plan B auch brauche.

Das bedeutet: Volle Energie, einen klaren, verbindlichen Rahmen für alle Beteiligten und jede Menge „Methodensicherheit“ (Claudia). Dies hält Hände und Kopf frei, um in der jeweiligen Situation gut handeln zu können.

Organisationswissen hinter uns lassen!

„Unter Stress falle ich noch immer in alte Muster zurück“, gesteht Claudia. Es ist einfach schwer, die eigene Sozialisation und Erfahrung in klassischen Organisationen einfach hinter sich zu lassen.

„Im Kopf checkt man es recht rasch, was es braucht. Im Kopf kriegt man es aber nicht auf die Strasse!“

ergänzt Sabine aus eigener Erfahrung.

Unausgesprochener Grundtenor am Frühstückstisch: Organisationen haben uns über lange Zeit arbeitsfähig gemacht; in einer chaotischen Welt, stehen sie uns aber mehr im Weg. Das Individuum tritt aus dem Schatten der Organisation heraus.

Stephanie Ogulin, Beraterin und Geschäftsführerin Ambuzzador, rundet die Diskussion passend ab:

„Heute überlagern Rollenprofile menschliche Potenziale.
Die Kernfrage wird aber sein, was brauchen Mitarbeitende, um in ihre Kraft zu kommen und zueinander zu finden.“

In diesem Sinne freue ich mich schon auf die Fortsetzung!

P.S. Die Nachlese von Gastgeberin Sabine Hoffmann finden Sie auf dem ambuzzador blog.

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