Manchmal ist es kaum zu fassen, mit welchen Wissenschafts-Märchen Trainingsanbieter werben. Viel schlimmer noch, dass wir diese Märchen immer noch glauben.

Es war einer der vielen unbestellten Newsletter, die täglich in mein Postfach schwappen. Anscheinend aber interessant genug, um geöffnet zu werden. Der Titel: Neuer Bildungstrend Video-Learning. Der Absender: Fischer, Knoblauch & Co.

Die Kernaussage dieser Marketing-Aussendung: e-Learning ist gut, aber Video-Learning ist viel besser. Diese Behauptung wurde gleich auch wissenschaftlich bestätigt:

Eine Studie der Universität Wisconsin belegt, dass 90% der Lerninhalte, die mit Videos vermittelt werden, im Gedächtnis bleiben.

Interessant! Darüber möchte ich mehr wissen.

Diese Studie wäre in mehrfacher Hinsicht bahnbrechend. Zunächst wäre es bemerkenswert, dass exakt 90% im Gedächtnis bleiben. Nicht 88% oder 92%, sondern genau 90%. Aber was soll´s, wie der Zufall halt so spielt.
Noch bemerkenswerter ist allerdings die hohe Erfolgsrate des Video-Lernens. Eine derart hohe Behaltensleistung ist fast unschlagbar. Mit nur drei Lerndurchgängen, also durch 3-fachen Video-Konsumationen, wäre eine Erfolgsrate von 99,9% gesichert. Im ersten Durchlauf 90%, von den restlichen 10% bleiben beim zweiten Durchlauf ganze 9% hängen (ergibt 99%) und vom letzten Prozent bleiben im dritten Durchlauf noch 0.9% haften. Eine bessere Behaltensleistung versprach nur der “Nürnberger Trichter”: Der Lehrer packt nicht mehr beim Schopf, er gießt gleich Weisheit in den Kopf. Heil Nürnbergs Trichter, Quell des Lebens, wo Götter kämpften selbst vergebens!
Aus wissenschaftlicher Sicht wäre diese Studie ebenfalls eine kleine Sensation: Sie wäre damit einer der ersten Studien, die den LernERFOLG direkt auf die LernMETHODE rückführen kann.

Also suche ich nach einer Quelle – Fehlanzeige. Daher frage ich beim Absender mal nach der vielversprechenden Quelle dieser Studie und warte auf Antwort…

Wir lernen 90% von dem, was wir selbst tun

Übrigens: Das Studienergebnis erinnert mich an die schönen, alten Schaubilder, die Lernerfolg und Lernmethode in direktem Zusammenhang bringen.
 clip_image002Für diesen Zusammenhang gibt es zwar keinen einzigen wissenschaftlichen Beweis, dafür ist er umso populärer. Und weil jeder empirische Beleg dafür fehlt, werden diese Schaubilder auch gerne als “naive Summierungstheorie” bezeichnet.

Dennoch wird diese alte Theorie auch in der Aussendung (zumindest implizit) bemüht und damit das Erfolgsrezept des Video-Learnings erklärt:

Hierfür sind Videos eine sehr gute Lösung, denn sie koppeln sowohl den Seh- als auch den Hörsinn und sind daher für einen multimedialen Lernmix sehr zu empfehlen. Nur durch mehrere Sinneskanäle kann der gesamte Schulungsinhalt effektiv und somit auch langfristig gelernt werden.

Doch halt, Hören und Sehen ergibt laut (nicht belegter) Theorie nur 50%. Jetzt bin ich noch neugieriger auf die Antwort… Ah, da ist sie schon:

“Ich gebe Ihre Anfrage an die Redaktion weiter, die sich bei Ihnen melden wird”

Hirnforschung für Anfänger

Also warten wir, gut Ding braucht Weile. Und weil wir grad so schön warten, sei nebenbei bemerkt, dass sogar die Hirnforschung in dieser Aussendung als Beleg für den eindrucksvollen Erfolg des Video-Learnings herhalten muss:

Gerade wenn es um die Frage geht, wie Lerninhalte langfristig und anschaulich vermittelt werden können, bieten Videos eine Vielzahl von Vorteilen. Das kommt daher, dass die Stärke der Verbindungen, die wir mit dem einzelnen Lerninhalt verknüpfen, darüber entscheidet, ob etwas nur im Kurzzeitgedächtnis gespeichert wird oder gleich ins Langzeitgedächtnis übergeht. Eine starke Verbindung zum Lerninhalt kann man erzielen, indem man unter anderem verschiedene Sinneskanäle anspricht.

Ebenfalls Humbug: Die Stärke der neuronalen Verbindungen spielen nur im Langzeitgedächtnis eine Rolle. Ob Gedächtnisinhalte (meist in der Nacht) überhaupt ins Langzeitgedächtnis kommen entscheiden zwei Parameter: Emotion (bzw. persönliche Betroffenheit) sowie Wiederholung. Die Anzahl der Sinneskanäle spielen dabei keine Rolle. Mehr Gedanken dazu finden Sie hier: Alt, aber wertvoll: die vergessene Lernformel.

So, aber jetzt frage ich mal bei der Redaktion nach. Und erhalten umgehend folgende Antwort:

Diese Information wurde im November 2013 auf der Website der Universität Wisconsin veröffentlicht. Wir haben eine Mail an den Webseiten-Betreiber geschrieben, ob wir weitere Informationen erhalten können. Leider erhielten wir noch keine Antwort.

Also warten wir nun beide auf die Quelle dieser so bahnbrechenden Studie. Sachdienliche Hinweise werden ausdrücklich erbeten. Wenn es dazu Neuigkeiten gibt, lesen Sie es sicher hier!

Bild: flickr.com, Tim Reckmann

 
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