Viel zu oft ist Recruiting Zufall, Gefühlssache und Tradition. Dabei wissen wir schon länger: das muss sich rasch ändern!

RecruiterInnen haben es ja nicht leicht.

Recruiting ist kein Traumberuf. Genau genommen nicht mal ein richtiger Beruf.

Leider kommt ein Unglück aber selten allein: Die Bewerber werden immer scheuer und fordernder. Die Digitalisierung stellt bewährte Routinen in Frage. Und die „Must-Haves“ im Recruiting werden immer vielfältiger.

Dennoch versorgen RecruiterInnen ihre Unternehmen mit dem, was diese (meist schon dringend) brauchen: Engagierte Talente, die das Business voranbringend.

Ja, das wird immer schwieriger und aufwändiger. Gut nur, dass sich RecruiterInnen zumindest ihr Engagement und ihren Optimismus bewahrt haben!

All das kann man aus den Ergebnissen der aktuellen Studie „Recruiting im Wandel – wohin geht die Reise?“ herauslesen.
Gemeinsam mit meinem KollegInnen von HR Relations, comrecon brand navigation und Smart Organisations haben wir über 100 RecruiterInnen befragt, wie sie ihren Job derzeit machen und was sie für die Zukunft erwarten.

Und weil es fast perfekt passt, leiste ich mit diesen Gedanken meinen Beitrag zur Blogparade #nextrecruiting2017, zur der die Vordenker Henrik Zaborowski und Winfried Felser aufgerufen haben.

Recruiting? Ist doch alles keine Kunst!

Auch wenn sich RecruiterInnen in der Regel in ihrer Organisation anerkannt fühlen (71%), wird ihre Arbeit im Unternehmen deutlich unterschätzt: Recruiting passiert nebenbei, mit (meist zu) wenig Ressourcen und fehlenden Skills.

  • Recruiting? Machen wir nebenbei!
    Recruiting ist meist nur ein Nebenjob. Über 60% der Befragten sind mehrheitlich mit anderen Aufgaben beschäftigt und machen Recruiting einfach so mit.
    Das Traumbild, irgendwann Recruiter werden, hatten die wenigsten: „Das hat sich irgendwie ergeben„, hörten wir in vielen Gesprächen.
  • Recruiting? Ist doch kein Beruf!
    Recruiting wird selten als richtiger Beruf gesehen. Die Funktionsbezeichnungen derer, die operativ rekrutieren, könnten kaum unterschiedlicher sein (Details dazu finden sich in den Studienergebnissen).
    Eine einschlägige Recruiting-Ausbildung wird nur selten absolviert: für über 70% der Befragten bedeutete dies learning-by-doing. Oder wie es ein Kollege ausdrückte:

Echtes Recruiting lernt man am Besten, indem man es einfach oft tut.

Kein Wunder, dass es vielen RecruiterInnen an Marketing- (87%) , IT-Know How (82%) genauso fehlt wie an tragfähigen Netzwerken (69%). Und damit an Möglichkeiten, tradierte Prozesse zu hinterfragen und einfach neu zu erfinden.

Recruiting? Das ist wirklich keine Kunst!

Gewohnheit und Routine sind als oft am Werk. Das ist wirklich keine Kunst!

Dabei sind Gewohnheit und Routine der stärkste Feind im professionellen Tun. Das gilt besonders für die Bewerber-Auswahl. Hier sind es nur allgemeine Kriterien, wie relevante Berufserfahrung (90%), einschlägige Ausbildung (72%) und persönliche Einschätzung des Recruiters (86%), die in die nächste Runde führen.

„Am wichtigsten ist, wenn der Recruiter ein gutes Gefühl hat. Es muss gar nicht so sehr im Fachlichen sein, sondern ein G´spür haben, ob der Bewerber ins Team passt.“

Gewohnheit und Routine prägen auch die Suche und Ansprache. Häufig wird auf bekannte, tradierte Suchwege zurückgegriffen: Über die Hälfte aller Kandidaten-Kontakte kommt über (Online-)Inserate zu Stande, nur 5% via Social Media. Über andere Kanäle wie Print oder direkten Kontaktmöglichkeiten ist man geteilter Meinung.

Da fällt mir gerade ein anderes Zitat ein:

Routine ist der größte Feind von Kunst.

— Daniel Barenboim

Recruiting? Abwickler oder Künstler?

Professionelles Recruiting kann wirklich mehr. Das wissen auch RecruiterInnen.

Dazu bräuchten sie aber Informationen, Skills und Ressourcen. Diese stehen Ihnen aber leider nicht immer zur Verfügung.

„Wenn ich mir mit der Jobausschreibung besonders Mühe gebe, sehen wir sofort eine Verbesserung in den Bewerbungen. Aber nicht immer habe ich die Zeit dazu.“

Wenn Zeit fehlt, stürzt man sich auf die derzeit angesagten Themen: Employer Branding und Social Media sind für mehr als drei Viertel die treibenden Top-Themen im Recruiting.

Da bleiben leicht „Blinde Flecken“: Eignungsdiagnostik und Cultural Fit sind derzeit nur für ein Drittel der Befragten relevant. Suchen ist also wichtiger als Finden.

„Ich würde mir mehr Kreativität wünschen, eben nicht nur im CV lesen „was hat derjenige bisher schon gemacht“, sondern vielleicht „was könnte derjenige vielleicht noch erreichen?“ Da erkennt man dann rasch realistisch, da nehme ich doch den Spatz an der Hand als die Taube am Dach.“

Recruiting? Das ist eine Kunst!

Wenn Recruiting auf mobileren Märkten, mit neu entstehenden Berufsbildern und kritischen Bewerbern erfolgreich bleiben möchte, heißt das: Raus aus der Folklore!

Viele RecruiterInnen glauben, dass sie die gröbsten Veränderungen bereits hinter sich hätten. Nur ein Teil erkennt, dass die letzten Jahre nur ein Vorgeschmack auf das war, was dem Recruiting in den kommenden Jahren bevorsteht.

Also, Recruiting, raus aus der Tracht! Und rein in die Funktionswäsche. Aus netten Almenwanderungen werden fordernde Gebirgssprints!

Dazu braucht es eigentlich nicht viel: Orientierung, Strategie, Mut und KnowHow!

Viele der Instrumente und Möglichkeiten gibt es ja bereits heute. Man muss sie nur nutzen:

  • Social Media liegt derzeit im Fokus der RecruiterInnen, aber nur 5% der Kontakte kommen darüber im Stande. Das geht ernsthafter!
  • Kennzahlen und KPIs können Orientierung geben, werden aber nur selten genutzt:

Wir fragen immer wieder, wie Bewerber auf uns gestoßen sind, aber richtig ausgewertet wird das nicht. Wieviele Leute auf unserer Karriere-Seite waren, das haben wir theoretisch schon, aber angesehen habe ich mir das noch nie.

Recruiting? Braucht Strategie!

Wer bekannte Instrumente oder Prozesse verändern möchte, steht vor einer Vielzahl an Möglichkeiten. Nur wenn ich weiß, wo ich hin möchte, kann ich entscheiden, was hilfreich ist.

„Es kommen immer mehr Angebote fürs moderne Recruiting, die auf den ersten Blick bestechend klingen. Zu entscheiden, welche wir dann nehmen, ist gar nicht so leicht.“

Derzeit sind RecruiterInnen nicht dafür bekannt, offen für neue Möglichkeiten zu sein: etwa ein Drittel probiert gerne Neues aus, ebenso viele tun dies allerdings (so gut wie) nie.
Das restliche Drittel wartet mal ab, welche Erfahrungen andere damit machen.

Recruiting? Braucht Mut!

Nein, so kommen wir nicht in die Zukunft. Recruiting wird aktiver und agiler (werden müssen).

In großen Unternehmen werden Prozesse schnell komplexer und fokussieren nicht immer auf den Arbeitsmarkt – damit sind wir viel mit Admin beschäftigt.

Neues ausprobieren, aktiv den Arbeitsmarkt erkunden und interne Prozesse schlank halten, wird uns alle fordern! Dazu gehört auch, einmal selbstbewusst Nein sagen zu können – zu Führungskräften, zu Kandidaten, und zu Anbietern.

Also mutig und rasch Entscheidungen treffen oder diese zumindest herbeiführen, wird wichtiger denn je:

Recruiter werden immer stärker der Geschäftsführung erklären müssen, was geht und was nicht. Damit leisten wir wichtige Übersetzungsarbeit zwischen Business und Arbeitsmarkt.

Einige sind da heute schon sehr flink: „Es gibt Situationen, wo wir bereits im ersten Interview zu sagen.

Zu all dem braucht es eine gute Portion Mut – und Professionalität.

Recruiting? Braucht Professionalität!

Professionalität – also auch das Erkennen, dass Recruiting ein Beruf ist. Ein richtiger Beruf. Und für viele – mittlerweile – ein Traumberuf.

Für Berufe braucht es auch einschlägige Skills und Know How. Das fehlt vielfach noch. Sagen RecruiterInnen selbst. Nicht nur im Marketing und Markenführung. Auch nicht nur in der IT- und Online-Welt. Sondern in ganz traditionellen Recruiting-Bereichen: der zielgerichteten Suche, zielgruppenorientierten Ansprache und der sicheren Auswahl anhand nachvollziehbarer Kriterien.

(Zur Professionalisierung empfehle ich auch Stefan Dörings Beitrag zu dieser Blogparade)

Ein Zitat aus einem der Interviews bringt viele dieser Aspekte schön auf den Punkt:

„Recruiter müssen Menschen mögen, neugierig sein, sich selbst vertrauen und Nein-Sagen können.“

Doch all den Umbrüchen zum Trotz – ein stabiles Element bleibt bestehen: Das Engagement und den Optimismus werden RecruiterInnen auch künftig gut brauchen können.

Die Gesamt-Ergebnisse der Studie „Recruiting im Wandel – Wohin geht die Reise?“ können Sie hier anfordern.

 
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