Trainings und Seminare sind teuer. Und manchmal trotzdem umsonst. Ausgefeiltes Bildungscontrolling ist da kein guter Reparatur-Kit. Die Lösung: Nicht wie in der Schule, sondern wie in der Natur lernen!

Als Personalist hat man es ja nicht wirklich leicht.

Vor allem dann nicht, wenn es um Themen geht, mit denen sich sowieso alle auskennen. Das Thema „Lernen“ ist zum Beispiel so eines.
Schließlich waren wir alle lange genug in der Schule, um etwas davon zu verstehen. Verstehen? Ganz ehrlich, wer hat in der Schule wirklich alles verstanden? Genau darum geht mir heute, um „echte Lernen“, damit es auch was bringt.

Jetzt, wo wir das Pauken und Prüfen aus der Schulbank endlich los sind, scheint es fast so etwas wie eine späte Rache der Schule an uns zu geben: Soll Neues einem Personenkreis näher gebracht werden, muss es wohl ordentlich geschult werden.

Und reflexhaft verfallen diese Lernexperten in die alten Muster, die sie damals so gehasst haben: Der Stoff muss rübergebracht werden, der Stoff muss am Ende sitzen.
Die Erwartung an den Beitrag des Personalisten: Wähle die richtige Form der Wissensvermittlung, damit das gewünschte Ergebnis mit minimalen Mitteln erreicht wird. Minimaler Input bei maximalem Output!

Jeder Ökonom schreit da nach konsequenter Prozessoptimierung:

  1. Hinschicken,
  2. (den Stoff rasch und sauber) Abfüllen,
  3. und weiter geht´s mit der Alltagsarbeit

Ganz so als ob es nicht um Mitarbeiter, sondern um Flaschen ginge.

Die Idee ist schnell mittels einfacher Gleichung dargestellt (wie sagt Kollege Robindro Ullah so gern: Wer ins Personalmanagement will, sollte Mathe studieren):

Können = Wissen = Lernen = Training

Alte Schulrezepte funktionieren nicht

Die Praxis zeigt, dass die Flaschen aber nur zu einem Drittel gefüllt bleiben, d.h. nur ca. 1/3 des Gelernten nach einem Jahr im Job tatsächlich umsetzen (zumindest aus der Sicht von Personalentwicklern).

Ein bescheidenes Ergebnis, alles andere als effizient.

Da wird der Ökonom dann leicht zum Oberlehrer: Liebe Personalisten, verpritschelt bitte unsere wertvollen Ressourcen nicht! Erhöht den Bildungstransfer und bedient Euch eines wirkungsvollen Bildungscontrollings.
Mitunter gefolgt von einem weiteren Reflex aus der Schulzeit: Prüft den Lernerfolg einfach ab und messt bitte, wie voll die Flaschen wirklich sind.

Toll, erhöhen wir den einfach den Druck auf die Flaschen, damit sie mehr behalten! Keine wirklich gute Idee, oder haben Sie schon mal versucht, mittels Hochdruck Flaschen zu befüllen? Was sie damit schneller rein bringen ist auch schneller wieder draußen, in Physik nicht aufgepasst?

Nein, so kommen wir nicht weiter!

Seminarräume sind keine Abfüllanlagen (das waren Klassenzimmer auch schon nicht). Und Mitarbeiter sind nur selten Flaschen, schon gar keine transparenten.
Das wohl Enttäuschendste daran für die prozessoptimierenden Ökonomen: Lernen ist nicht optimierbar!

Lernen ist ein natürlicher biologischer Prozess. Da sind sich sogar Psychologen und Hirnforscher einmal einig. Natürliche Prozesse finden immer statt. Sie laufen ab, ohne dass sie an- oder abgedreht, oder gar extra im Training angestoßen werden müssten.

Das bedeutet, die Flaschen werden ständig – fast ohne Kapazitätsgrenzen – befüllt. Natürliche Prozesse lassen sich allerdings NICHT von außen steuern und schon GAR NICHT willentlich optimieren. Sie sind ja bereits – im biologischen Sinne – optimal!

Wir können zwar versuchen zu optimieren, technisieren und prüfen, was wir wollen – alles was dabei rauskommt ist pasteurisiertes Lernen: zwar nährend, aber ohne Geschmacks- und Vitalstoffe. Wer dennoch dran festhält fördert nur Bulimie-Lernen.

Unmögliches (wie die Optimierung der obigen Gleichung) zu versuchen, führt trotzdem nicht zum Ziel, sondern ist nur Geldverschwendung. Jemanden dazu bringen zu wollen, besser oder schneller zu lernen (Grüße an die Ökonomen! Es geht schließlich ums Geld!) ist genauso aussichtslos, wie zu versuchen, willentlich besser zu verdauen oder absichtlich schneller zu schlafen.

Die Kraft der Natur nutzen!

Was wir können, ist die Kraft der Natur für ein erfolgreiches Lernen nutzen (Liebe Ökonomen, diese Kraft kostet nichts!). Es sind gute Rahmenbedingungen, die natürliche Prozesse begünstigen. Unter geeigneten Rahmenbedingungen können wir besser schlafen, besser verdauen und eben auch besser lernen.

Das Rezept für echte Verhaltensänderung im Unternehmen braucht nur 3 Zutaten: Wollen, Wissen und Dürfen. Und genau dort liegt die Herausforderung in der Umsetzung!

Die Erfolgsformel nach der Kraft der Natur könnte in etwa so formuliert werden: Das Produkt aus diesen drei Zutaten ergibt die zu erwartende Menge des Könnens.

Können = Wollen x Wissen x Dürfen

Unser Ziel ist das Können, dass wir mit den Produkten gut umgehen können, gute präsentieren können, uns compliant verhalten können oder Mitarbeiter gut führen können.

Abseits von stupiden Handlungsrezepten oder Vorgehensanweisungen, sondern passend und professionell im Sinne des Unternehmens agieren können.

Dazu braucht es natürlich Wissen, über die Produkte, mit denen wir hantieren sollen, über unsere Compliance-Regeln oder Erklärungsmodelle über menschliche Motive für die Führungsarbeit. Es ist dazu oft weit weniger Wissen nötig, als wir mitunter annehmen.

Denn wenn ausreichend von der wohl wichtigsten Zutat, dem Wollen, vorhanden ist, vergrößert sich das Wissen ohnehin weiter von selbst.
Das bedeutet nicht, einfach nur Lust auf das Thema haben. Das ist hilfreich, aber nicht notwendig. Es reicht, wenn es uns betrifft (oder betroffen macht), also Relevanz und Bedeutung im Alltag hat.

Ein Beispiel: In Österreich gibt es an die 2 Mio Facebook-Nutzer. Wie viele von denen mussten Facebook-Seminare dafür besuchen? Genau, wenn es einen persönlichen Grund gibt, passiert Wissensaufbau ganz von selbst (und mit ein paar Hilfsmitteln kann das sogar sehr effizient gemacht werden).
In der Praxis wird das Wollen aber oft vernachlässigt.  Gute Trainer wissen das und „verkaufen“ ihren Stoff gut. Ein sexy Lernerlebnis ist nett und hilfreich, reicht aber für echtes Wollen selten aus.
Viel entscheidender ist, was VOR dem Training passiert, also ob das angestrebte Lernergebnis (Können) für einen selbst, im Team oder im Unternehmen bedeutsam ist. Weil ich es gut machen möchte und dabei gesehen werden will.
Viele Trainer können „Freundlichkeit“ im Kundenkontakt hervorragend trainieren („Wissen“). Sie werden aber kein „Wollen“ erzeugen, wenn es im täglichen Umgang miteinander einfach keinen Wert hat (z.B. die eigene Führungskraft dem Wert oder Aufmerksamkeit gibt).

Wenn im täglichen Umgang die Verkaufszahlen regelmäßig thematisiert werden, nicht aber das Verhalten, hat es wohl ebenfalls keine Bedeutung. Das Wissen zu behirnen hat wenig Effekt, wenn wir es nicht auch beherz(ig)en!

Drittens braucht es für eine nachhaltige Umsetzung im Alltag eine weitere Ingredienzie: Dürfen.

Jetzt werden einige sagen, no na. Sie dürfen nicht nur, sie sollen oder müssen sogar. Nämlich das Gelernte gleich ab dem ersten Tag nach dem Training verlässlich umsetzen.
So als ob es kein Leben vor dem Seminar gegeben hätte. Neues Können langfristig aufzubauen und sicherzustellen, braucht Übung und Wiederholung.
Neues Wissen, selbst mit Wollen, löscht nicht alte Gewohnheiten einfach aus. Es braucht Zeit und Experimentiergelegenheiten, damit Wollen und Wissen auch tatsächlich zu Können führt. Da können auch schon mal Fehler passieren, die dafür auch in Kauf genommen werden müssen.

Erst wenn der Mitarbeiter das nicht nur darf, sondern aktiv dabei unterstützt wird, (auch bei Rückschlägen) dran zu bleiben, erhält es Relevanz (und stärkt damit wieder das WOLLEN).

Die vergessene Lernformel

Das Können ist also das Produkt aus drei Zutaten:

Können = 60% Wollen x 20% Wissen x 20% Dürfen

Lernen wird also umso effektiver, je größer die einzelnen Zutaten bedient werden. Achtung, es handelt sich um eine Multiplikation!

Die beste Wissensvermittlung (Wissen) sowie optimale Rahmenbedingungen danach (Dürfen) bringen selbst dann keinen Lernerfolg, wenn es als „bedeutungslos“ (kein Wollen) erlebt wird!

1 x 1 x 0 bleibt trotzdem 0! Wer´s dennoch ohne probiert, erzeugt letztlich wieder Bulimie-Lernen ohne großen Erfolg.

Die Zutaten begünstigen jedes Lernen. Sie müssen auch nicht immer in Form von Trainings verabreicht werden, sondern können auch in der Führungsarbeit hervorragend weitergeben werden.

Echte Lernerfolge beginnen mit guter Führung und werden darüber erst wirklich möglich. Und jetzt frage ich die Personalisten unter uns: Und wie bekommen wir das in die Köpfe der Führungskräfte? Ach ja, das sind ja keine Flaschen!

Auf Wiederlesen!

 
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