AMS oder was? Ein anonymer Bericht einer Personalistin über ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Arbeitsmarktservice. Ein Gastbeitrag.

Ich habe mich heuer entschlossen, nach mehr als 5 Jahren in der Personalabteilung in einem renommierten und sicheren Unternehmen, mich beruflich zu verändern.

Es war eine bewusste Entscheidung für Veränderung aber auch für die Ungewissheit. Die Bemerkungen aus meinem persönlichen Umfeld dazu waren in etwa wie „Bist du wahnsinnig?“, „Möchtest du dir nicht vorher was Neues suchen?“

Nein wollte ich nicht, sonst hätte ich das ja auch nicht gemacht. Aber dann machte ich meine persönlichen Erfahrungen mit dem AMS, die  für mich höchst speziell waren.

Fleißiges Bienchen

Bereits in der Schule war ich eine Streberin, habe immer gelernt und gute Noten gehabt. Manche Persönlichkeitsmuster bleiben wohl an einem kleben. So auch die Streberin an mir.

Noch vor meinem Ausscheiden bei meinem letzten Arbeitgeber informiere ich das AMS online über meine bevorstehende Arbeitslosigkeit. Da ich beim Ausscheiden noch Resturlaub habe und mir somit Urlaubsersatzleistungen zustehen – wo man übrigens auch kein Arbeitslosengeld bekommt – hatte ich meinen ersten Termin beim AMS noch bevor ich überhaupt Arbeitslosengeld bekam.

Irre, ich weiß.

Die Chemie stimmt nicht ganz

Um es gleich vorweg zu nehmen. Das Kennenlernen mit meiner AMS Betreuerin verläuft mäßig erfolgreich. Ich hatte wenig Erwartungen an diese Begegnung.

Stimmt auch nicht ganz. Im Nachhinein betrachtet hatt ich die Erwartung, dass man mich von AMS-Seite ein paar Wochen in Ruhe lässt. Zeit, in der ich überlegen könnte, wie ich die nächsten Jahre gerne beruflich verbringen wollte. Einfach auch Zeit um die Dinge zu tun, für die man neben einem 40+ Stunden Job sonst nicht so günstig Zeit findet. Zum Beispiel für Unterhaltungen mit der dementen Oma.

Gut qualifiziert…

Gut qualifiziert, ein Studium, Auslandserfahrung, 8 Jahre einschlägige Erfahrung im Recruiting und der Personalentwicklung in renommierten Firmen. Ich habe mir ehrlich gesagt um meine nächste Arbeitsstelle nicht so große Sorgen gemacht (ich weiß das ist privilegiert).

Natürlich war es unsicher, aber ich hatte keine Existenzängste – noch nicht. Meine Betreuerin vom AMS hatte das offenbar anders gesehen. In ihrem Auftreten emsig, korrekt und sehr distanziert hat sie es in unseren ersten beiden Terminen geschafft, mich weder nach den Motiven meiner Veränderung noch nach meinem Idealbild für die Zukunft zu befragen.

Lediglich die Begrifflichkeiten – die sie ins System eingeben sollte – waren für sie wichtig. Ich bin mir bis heute unsicher, ob sie verstanden hat, in welchem Bereich ich tätig war oder in Zukunft tätig sein wollte.

Die große Frage, die sich mir also immer mehr aufgedrängte war: Wie stellte sich diese emsige Person wohl vor, mich (Streberin) bei meiner Arbeitssuche wirklich zu unterstützen. Sie meinte schließlich, Sie würde mir passende Stellenanzeigen zusenden (ich habe bis zuletzt keine Einzige von ihr erhalten) und ich müsse den Verlauf meiner Bewerbungen für sie dokumentieren.

Soweit so gut! Dachte ich.

Dem Fahrlehrer das Fahren beibringen?

Ich wurde nach einigen Tagen online darüber informiert, dass ich bei einem Kurs teilnehmen werde, für den ich mich weder interessiert noch angemeldet habe.

Das AMS unterstützt mich bei einem Kurs!? Nicht schlecht, denke ich mir. Schon lange wollte ich einen Lehrgang in Projektmanagement machen oder meine Excel Kenntnisse auffrischen. Beides Weiterbildungen, von denen ich beruflich sehr profitiert hätte.

Bei einem Blick auf die Homepage des mit dem AMS verbundenen Instituts stelle ich allerdings fest, dass es sich um ein intensives Bewerbungstraining für Maturanten und Akademiker handelt, an dem ich teilnehmen soll. Ein Kurs darüber also, wie man Bewerbungsunterlagen schreibt und wie man bei Bewerbungsgesprächen agiert.

„Das muss ein Missverständnis sein!“, war mein erster Gedanke, als ich die Kursinhalte checkte. Ich habe in der Vergangenheit hunderte Bewerbungsgespräche geführt sowie Bewerbungstrainings gehalten. Vergleiche wie, einem Fahrlehrer das Fahren beibringen, oder einem Mathematiker das Subtrahieren, drängen sich in mein Hirn.

Ich nehme mir also vor, diesen Umstand mit meiner Betreuerin zu ergründen. Dort stellt sich heraus, dass es kein Missverständnis ist. Jegliche Versuche meinerseits, der AMS Betreuerin begreiflich zu machen, was ich in den vergangenen Jahren beruflich gemacht hatte, kann oder will sie einfach nicht verstehen.

Mein Wunsch mich bei einer anderen Ausbildung zu unterstützen, die ich wirklich brauchen kann, werden im Keim von ihr erstickt.

Nachteil durch Bewerbungsgespräch!

Ich fand mich also in einem Bewerbungstraining wieder.

Eine Erfahrung für sich, mit höchst motivierten Trainern und teils sehr unmotivierten (manchmal auch betrunkenen) Teilnehmern. Inhaltlich hätte ich diesen Kurs selbst als Trainerin abhalten können. Ich lasse es über mich ergehen und bin das kommende Monat fast jeden Tag für diesen Kurs verpflichtend angemeldet.

Gehe ich nicht hin, bekomme ich kein Arbeitslosengeld. Einfache Sache. Was mich aber in einen Interessenskonflikt mit meinem eigentlichen Anliegen, nämlich meiner Arbeitssuche, bringt.

Fast jeden Tag bin ich zu diesem Zeitpunkt dann mittlerweile zumindest zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Ich muss also für jeden Termin beim Trainingsinsitut bestätigen, dass ich beim Workshop fehlen werde. Was ich natürlich artig mache. Und hier wird es wirklich kompliziert.

Ich sende die Terminbestätigungen an die angegebene E-Mail Adresse des Instituts und damit ins Nirwana. Keine Rückmeldung, keine Rückbestätigung. Bei der Hotline-Nummer kann man mir auch nicht helfen.

Ich weiß bis zuletzt nicht, ob mir meine Bewerbungstermine als entschuldigt gewertet werden und ich trotz Bewerbungstermin für diesen Tag das Arbeitslosengeld bekommen werde.

Ehrlich, jetzt werde ich wirklich sauer. Hier geht es um mein Geld! Mein Ärger bleibt ungehört, niemand fühlt sich zuständig.

Unmündiges Kind

In der Arbeitslosigkeit bzw. beim AMS befinden wir uns in einem System, das sehr engmaschig und bürokratisch ist.

Ein Arbeitsloser wird mal in ein Bewerbungstraining geschickt, denn er hat offenbar nicht kapiert, wie er sich richtig bewirbt. Punkt. Ich verstehe, dass bei einer hohen Arbeitslosenquote notwendig ist, vorgefertigte Systeme zu haben, um Arbeitslose respektive Bewerber zu unterstützen. Und ich bin mir sicher, dass viele von den Programmen profitieren.

Dennoch leuchtet es mir nicht ein, völlig unreflektiert und unhinterfragt Arbeitslose zwangszubeglücken, alleinig mit dem Ziel die Arbeitslosenstatistik in Ordnung zu halten.

Apropo „passende Kurse“: Vielleicht würde auch den AMS Betreuerinnen und AMS Betreuern ein Kurs zum Thema Kommunikation und Fragetechniken nicht schaden!

 
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